Wer liest schon die Einleitung eines Buches ...

 

3. August 2014

 


Die Einleitung eines Buches stellt für mich von jeher ein überflüssiges Hindernis dar. Sie ist meist langweilig und langwierig geschrieben. Viel zu oft voller Zitate aus dem Text, den man gerne lesen möchte. Ich will hineintauchen und mich mit den Wörtern und Sätzen selbst beschäftigen. Meine Eindrücke diskutiere ich gerne nach der Lektüre. Erst dann könnte ich die "Einleitung" lesen und erörtern, ob ich dieselbe Meinung darüber bekommen, oder ob ich den Text anders empfunden habe.

 

Einleitungen sollte man deshalb, wenn überhaupt, erst danach lesen. Warum muss ich vorher schon einen Text erklärt bekommen? Habe ich keinen eigenen Verstand dazu?

Ebenso gefährlich ist es, sich vorher mit dem Autor zu beschäftigen. Es ist stets ratsam, zuerst sein Werk kennenzulernen und anschließend, vielleicht, wenn es unbedingt sein muss, auch den Autor. Da begibt man sich gerne auf ein glattes Eis, das sehr schnell brechen kann.

So ging es mir, als ich zwei Drittel des Werkes von Hermann Hesse gelesen, nein: verschlungen hatte. Ich roch das Gras in seinen Beschreibungen. Ich konnte die Hügel über Lugano buchstäblich sehen. Seine Texte sind wunderbar. Seine Gedichte lässt man genüsslich auf der Zunge zergehen. Sein Werk kann einen das ganze Leben begleiten. In der Jugend kommt man gut bis "Siddharta", genießt seine Poesie, lernt aus seinen Essays. Für den "Steppenwolf" benötigte ich einige Anläufe bis ich ihn verstehen konnte oder es mir wenigstens einbildete. Und dann, später, viel später, kam ich durch das Labyrinth des "Glasperlenspiels". Ich habe lange Zeit keine Verbindung gesehen. Als mein Geist das Geheimnis lüftete war ich so begeistert, dass ich es sofort noch einmal lesen wollte. Zur Bestätigung? Nein, aus rein ästhetischen Gründen. Aber ich wiederhole mich nicht gerne. Also kaufte ich das Buch in zwei anderen Sprachen, die ich beherrsche. Es wurde noch interessanter und spannender. Ich interpretierte manche Absätze differenzierter, weil ich in der anderen Sprache eine völlig neue Perspektive entdeckte. Dazwischen hatte ich aber versucht, mich durch die reichhaltige Sekundärliteratur zu lesen. Bei einem großen Dichter will jeder Zeitzeuge zu Wort kommen. Das kann irritierend werden. Der Mensch Hesse war mir lange nicht mehr so verehrenswert wie der Dichter.

In dieser Zeit lernte ich, die Werke zu schätzen und den Autor in Ruhe zu lassen. Aber die menschliche Neugier ist nicht zu verleugnen. Man liest ein gutes Buch und will gleich alles über den Verfasser wissen. Das kann dann zum Verhängnis werden...

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