Ein Brief an mich ...












Namasté Marina



 

Wo hast du dich versteckt? Ich finde dich nicht mehr. Seit einigen Jahren bist du total ausgerastet. Irgendwer muss dir eine Voodoo-Puppe angefertigt haben. Nichts will dir mehr gelingen. Du hast kaum noch etwas zum Anziehen. Deine gesamte Garderobe passt in einen Koffer. So kenne ich dich nicht.

Du bist oft in deinem Leben umgezogen. Wurzeln konntest du nirgends anlegen. Es trieb dich immer weiter. Dein Leitfaden ist deine Arbeit gewesen. In der bist du völlig aufgegangen. Die Zukunft lag in weiter Ferne. Du wolltest erst einmal Vergangenheit bewältigen. Das hast du auch hinbekommen. Großartig und souverän! Erinnerst du dich noch, als du endlich den Schritt wagen und mit einem Psychotherapeuten deine Probleme besprechen wolltest? Da hattest du sie schon überwunden! All deine Gespenster aus der Vergangenheit sind von dir erfolgreich in den Hades geschickt worden. Freiheit gab es für dich im Herzen und im Geist.

Du hast jahrelang mit ungerechter Kritik kämpfen müssen. Vorurteile sind die täglichen Steine auf deinem holprigen Weg gewesen. Manchmal unbewusst, oft traurig und verzweifelt, aber unaufhörlich räumtest du jeden Stein aus dem Weg, der dir immer wieder hingeworfen wurde. Am Ende mussten deine Kritiker aufgeben. Einige verdrückten sich, sehr wenige erkannten dich endlich an, die anderen zogen sich in ihre Ignoranz zurück.

Dann kam eine lange Ruhephase. Du hattest sie auch dringend nötig. Aber, ich befürchte, gerade diese Periode hat dir das Genick gebrochen. Du warst eine hervorragende Gastgeberin. Solange du fleißig Freunde und Verwandte bewirtetest, war dein Haus voll. Im Garten wuchs der Bambus. Bis zu dem Tag, an dem die überaus starken Bambussprösslinge den Asphalt auf der Straße durchdrangen. Schweren Herzens musstest du den wunderschönen Strauch ausgraben und entsorgen. Deine Seele blutete, dein Herz weinte und dein Verstand wusste, dass der Schutz vor dem Bösen nicht mehr vorhanden war.

Damit begann deine unruhigste Zeit. Du wurdest anfällig für alle Sorten von Unglücken. Dein Haus leerte sich. Es wurde selbst zum Feind. Du flohst aus ihm. Aber seitdem suchst du nach einem Zuhause. Freunde haben dich ein paar Monate aufgefangen. Hotels wurden schnell zu Pensionen. Das Geld wurde immer knapper.


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