Der Brief an mich geht weiter ...















Namasté Marina





Es war nicht wie in jenem Jahr, Ende der Achtziger, als du vierzehn Monate in Ferienwohnungen und Hotels verbrachtest. Du hattest damals ganz andere Probleme, aber nie leere Konten. Auf der Suche nach einem neuen Firmensitz befandst du dich in der prekären Lage, von einem Ort zum anderen zu pilgern. Deine Arbeit führte dich für einige Monate in gepflegte Ferienwohnungen. Sie waren komfortabel, aber halt nicht deine eigenen vier Wände. Dazwischen kamen immer wieder improvisierte Hotelübernachtungen. Je nach dem, wo du dich gerade befandst. Es war auch spannend. Besonders das Essen in den verschiedensten Restaurants. Natürlich gab es Murren deinerseits. Aus dem Koffer leben, ist nicht einfach. Viele beneideten dich für dieses “abenteuerliche“ Leben! Sie hatten ja keine Ahnung. Die Wäsche wurde entweder in die Reinigung gebracht oder dem Hotelpersonal übergeben. Du hattest keine eigene Privatsphäre. Kein Hotelzimmer kann dir dieses Gefühl vermitteln, und wenn du noch so lange dort wohnst. Es bleibt immer eine Übergangslösung. In dieser Zeit wünschtest du dir einen erholsamen Urlaub in einem eigenen Haus oder einer eigenen Wohnung. Ein Gedanke, der für viele unvorstellbar sein mag.

Als du dann die neue Firma eröffnetest, gingst du wieder einmal auf spannende Wohnungssuche. Monatelang hast du eine Motelsuite bewohnt. Ja, es war ein Motel. Du erinnerst dich bestimmt an diese Zeit mit schmunzelnden Lippen. Besonders in den Nachtstunden kam es oft zu tragikomischen Begegnungen. Das Aushilfspersonal wollte dich und deinen Mann oft mit einem Kondom einchecken! Sie kannten euch nicht und wussten auch nicht, dass man in einem Motel zu „Stammkunden“ werden kann.

Ja, es gab auch erheiternde Seiten bei dieser Odyssee. Aber sie führte zu einem guten Ende. Du fandst ein kleines Häuschen, möbliert, aber pragmatisch, bis du eine tolle Wohnung gekauft hattest.

Sie befand sich in einer Villa mit drei Etagen. Du warst sofort begeistert von dem zweiten und letzten Stockwerk. Über dir niemand, um dich herum eine atemberaubende Landschaft. Zwischen den Bäumen des Parks lugte der See und am Horizont ragte ein Berg, dessen immerwährende Schneekuppe bei Sonnenuntergang sich jedes Mal Rosa färbte.

Damals fehlte dir aber zunächst der Scharfsinn. Du hattest noch nicht gelernt, deinem Instinkt zu folgen. Heute würde es dir nicht mehr passieren. Dessen bin ich sicher. Leider besuchtest du deine zukünftigen Mitbewohner erst nachdem du den Kaufvertrag unterzeichnet hattest. Da die Wohnung renovierungsbedürftig gewesen ist, schicktest du einen besonders schönen Blumenstrauß an beide Parteien. Damit kündigtest du deine Renovierung an und entschuldigtest dich gleichzeitig für die dadurch entstehenden Unannehmlichkeiten.

Im ersten Stock lebte ein sehr nettes Rentnerpaar. Gut betucht und äußerst freundlich. Sie erkundigten sich sofort nach der Dauer eurer Restaurierungsarbeiten. Diese Zeit wollten sie weitgehend in ihrer Zweitwohnung in den Bergen verbringen. Ausgezeichnet!

Aber die „halbe“ Familie im Erdgeschoß hätte dich warnen müssen. Die Einrichtung war fast ausschließlich in schwarzen Möbeln gehalten. Damit die Atmosphäre in den Räumen sich noch düsterer gestaltete, wurden kaum die Fensterläden geöffnet. Der muffige Geruch war noch unangenehmer als die Besitzerin selbst. Es lebte dort eine magere Frau mit zotteligen schwarzen Haaren, die bei jedem Harry-Potter-Film mühelos das Casting überstanden hätte. Ihr Sohn und ihre Tochter gingen in die internationale Schule und waren dem Abitur schon sehr nahe. Du hattest nicht geahnt, was Depressionen und Eifersucht und Unsicherheit alles in einem Menschen bewirken können. Ihr Mann lebte im Ausland, vertrat sein Land in der schwedischen Botschaft. Sie hat euch das Leben zur Hölle gemacht. Schon während der Restaurierung! Wie oft hast du eigentlich in dieser Wohnung geschlafen? Zweimal? Auf jeden Fall flüchtetest du zurück in dein kleines Häuschen, das du noch nicht gekündigt hattest, solange dein illusorisches Zuhause noch nicht vollständig fertig gewesen wäre.

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