Klickst du noch oder scrollst du schon?

Professor Doktor Experte In erklärt seine Theorien, gestikuliert dabei als hätte er keine Knochen, und bemüht sich mit all’ seiner Rednerkunst um die Gunst des Publikums.

Der Unbekannte im graugestreiften Anzug kommt zu spät. Unbeirrt zwängt er sich in die dritte Reihe auf einen freien Sessel. Kaum hat er sich hingesetzt zieht er auch schon sein iPhone aus der Tasche. Ziellos scrollt sein rechter Daumen über Apps und Mails und News. Er öffnet eine Medien-App.  

Ab und zu gibt er den Anschein, sich bewusst zu werden, wo er sich befindet. Er reckt ganz wundersam den Hals, wie eine Schildkröte. Seine Augen scheinen etwas zu suchen. Hat er gerade eine Mail bekommen, vielleicht von jemandem auf der anderen Seite des Saales, der ihn an seine Anwesenheit erinnert hatte?

Manchmal versucht er sogar, das Handy in sein Etui zu verschließen. Aber er drückt den Knopf nicht zu. Auch loggt er sich nicht aus dem Netz. Und schwupp! Da ist er schon wieder. Beinahe unbewusst klappt er das Etui auf, und beginnt erneut, zu scrollen ohne zu lesen. Das sieht ganz stark nach Abhängigkeit aus. Sein Blick scheint auf dem Display nichts wahrzunehmen.

Vorne am Rednerpult müht sich Professor Doktor Experte In ab sein Publikum im Bann zu halten. Dieses Vorhaben wird immer mühevoller, je länger der Redner das Mikrofon für sich in Anspruch nimmt. Seine Armbanduhr liegt neben dem Wasserglas. Damit er seine Zeit im Blickfeld hat?

Der Unbekannte in der dritten Reihe öffnet gelangweilt sein elektronisches Postfach. Scrollt seine Emails, ohne sie zu lesen, schaut dabei in den Saal und gibt den Anschein, als wenn er dem Redner seine Ohren gewidmet hätte. Aber wo werden seine Gedanken sein? Bei seinem persönlichen Multitasking zittert sein rechter Daumen, obwohl sein Handy schon gar nicht mehr weiterscrollt. Seine linke Hand schreibt auf einmal den vom Redner gerade erwähnten Namen auf die Notizblätter, die er zuvor auf seinem Sessel vorgefunden hatte. Wie kann es anders sein, er googelt ihn sogleich, obwohl es sich eigentlich um einen sehr bekannten Namen handelt.

Professor Doktor Experte In hat gerade seine Theorien mit Fußball metaphorisiert. Der Unbekannte sieht sich das Ergebnis auf der Google-Seite gar nicht an. Für einen winzigen Augenblick hatte es den Anschein, als ob er dem Redner auch seine Gedanken widmen wollte. Oder war es nur eine kleine Pause für seinen rechten Daumen?

 

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