Die Menschen lesen zu wenig, oder wird zu viel gedruckt?

Verlage beschweren sich, Buchhändler weinen Krokodiltränen. Die Statistiker wissen es genau: Die Deutschen lesen zu wenig. Angeblich keine zwei Bücher im Jahr!. Und wer redigiert solche scheinbaren Verkaufszahlen?

Diese Theoretiker sollten nur einmal in einen Zug steigen. In irgendeiner Großstadt die U- oder S-Bahn nehmen. Sich in Flughäfen umschauen. Und wenn ihnen das nicht genügt, dann müssen sie unbedingt einen Tag in einer Buchhandlung verbringen und die Menschen beobachten. Denn, oh ja, die Buchhandlungen sind gut besucht. Leser gibt es nicht nur in den Online-Shops. Leser gibt es überall.

Wer soll denn sonst das Meer an Regenbogenpresse, Tages- und Wochenzeitungen, Fachzeitschriften über jedes mögliche und unmögliche Thema lesen? Ich habe schon meine Stammmagazine, wenn ich im Wartezimmer eines Arztes oder beim Friseur sitze. Zwischendurch kaufe ich sogar selbst eine Illustrierte, ein Magazin, eine Wochenzeitung. Zugegeben, mit der Flut an Live-News im Netz werden Tageszeitungen beinahe nur noch für ihre Kommentare oder eventuellen Hintergrundberichte gelesen.

Aber lesen, das tun viel mehr Menschen als ihnen zugestellt wird. Auch Bücher. Vor allem Bücher. Ich setze mich gerne in eine Ecke und beobachte die Menschen vor den Tischen mit Bergen von Neuerscheinungen, vor den Regalen mit Ratgebern für wirklich jede Lebenssituation. Da wirkt sogar Google noch unzureichend.

Sie schleichen sich mit Pokergesichtern an. Das eigentliche Ziel nur im äußersten Blickwinkel. Erst mal die Bestsellerliste rauf und runter gehen. Schließlich will man doch auch informiert sein, bevor man lieber auf den Horrortisch mit den schönen gruseligen Krimis geht. Oder sich doch einen alten Klassiker gönnt, den eigentlich niemand mehr drucken will. Dahinter sollte ein ironisches Fragezeichen stehen, aber das gibt es leider noch nicht auf der, sonst so modernen und jeder Sprache angepassten, Tastatur.

Dass immer mehr Leser sich Ebooks herunterladen wundert mich nicht. Sie kosten weniger, die Lesegeräte sind leichter in der Hand zu halten und sie nehmen keinen Platz in den immer kleiner werdenden Wohnungen weg. Ich schlage mich gerade mit meinen über 600 Büchern herum und weiß nicht mehr, welche ich wo aufstellen kann. Da klingt es schon sehr einladend, wenn so ein modernes Lesegerät mehrere hundert Bücher verwalten kann. Wenigstens die Belletristik und halt alle Bücher, die keine großen Illustrationen benötigen. Fotobücher oder die sogenannten Coffeebooks, die werden wohl (noch) nicht hineinpassen. Wobei ich schon ein tolles „Arbeitsbuch“ digital gesehen und gelobt habe: das neue Handbuch der Gemmologie mit überragender Fototechnik!

Die Zukunft ist schon unter uns. Wir müssen sie nur noch bestätigen. Und dass keiner mehr behauptet, es wird nicht mehr gelesen. Vielleicht wollen wir den Spieß einmal umdrehen. Wird nicht doch zu viel gedruckt? Besonders bei den Zeitschriften und Monatsmagazinen habe ich noch größere Bedenken als bei der so verpönten und, ach, doch so gelesenen Trash-Literatur...

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