Ein Leben ohne Internet ...

Ich war mehrmals täglich auf der Facebook-Seite. Davor oder danach wurde jedes Mal das virtuelle Postfach gecheckt. Mails kommen doch immer rein. Und wenn es sich nur um Werbung oder Newsletters handelt. Da wird man ganz schnell süchtig. Kommt auch noch eine eigene Werbung oder ein Verkauf auf Ebay dazu, vergeht kaum eine Stunde, wird jede freie Minute im Netz verbracht. Schließlich will man wissen, was wo wann los ist. Habe ich etwas verpasst? ...

An einem Samstagnachmittag gegen drei Uhr stand die Seite auf Facebook still. Der kleine Pfeil wollte sich nicht mehr bewegen lassen. Die Tasten reagierten auf keinen Fingerdruck, weder sanft noch heftig. Alles blieb still und starr. Der Monitor meines Laptops ist aber kein See, und Weihnachten ist auch noch einen Monat entfernt.

Ich drückte entschieden auf den "Power"-Knopf. Erst einmal das Gerät ausschalten. Dann entfernte ich den Internet-Stick, der mittlerweile auch schon rot aufgeleuchtet war. Vielleicht lag es an der schlechten Verbindung? Nach wenigen Minuten drücke ich wieder entschieden auf den "Power"-Knopf. Der Rechner springt an, aber der Monitor bleibt weiß und unschuldig, oder blaß und krank, wie man möchte. Auf jeden Fall reagierte er nicht. Plötzlich tauchte ein Ordner auf. Genau in der Mitte des Bildschirmes. Darauf blinkte ein Fragezeichen? Das war's. Nach einigen Versuchen, das Gerät wiederzubeleben, gab ich auf. Ich werde doch bis Montagmorgen überleben, so ganz ohne Google und Internet und Facebook und Homepage! ...

Montagmorgen hatten die Mitarbeiter gerade die Tür des Ladens aufgeschlossen, stand ich schon an ihrer Theke und klagte mein Leid. 50 € Vorkasse fand ich nicht sehr elegant, aber was tut man nicht alles für seinen Liebling.

Zwei Tage später rief ich die Serviceabteilung an. Der Techniker war nicht gerade erfreut. Ich hatte eine Kolik von der langen Abstinenz. Mit letzter Mühe versuchte ich, höflich zu bleiben. Ich arbeite mit meinem Laptop. Mein Leben ist auf ihm gespeichert. Er weiß alles über mich, er kennt alle meine Daten und Gefühle und Wünsche. Er ist mein Ein und Alles.

"Wenn Sie unbedingt darauf bestehen, können Sie ihn abholen. Er läuft einwandfrei."

So schnell hatte ich noch nie die Stadt durchquert und einen Parkplatz hinter dem Dom gefunden. Als ich mein gutes Stück wieder in Empfang nahm, öffnete ich es sofort, um zu sehen, wie es ihm ging. Ein Fragezeichen blinkte auf einem Ordner in der Mitte des Bildschirmes! Nichts hatte sich verändert! Was soll das Ganze? Ein schlechter Scherz? Ich drohte mit Anzeige, ich sprach mein Mißtrauen aus, ich war außer mir und beinahe nicht mehr kontrollierfähig. Notgedrungen musste ich ihn wieder dort lassen, bei diesen fremden Leuten, mein Baby, mein Ein und Alles! Krasser ging es nicht! Verzweifelt und total verärgert verließ ich den Laden.

Nun musste ich mir ein Internet-Café suchen, um wenigstens das Allernötigste checken zu können. Das war auch nicht so einfach. Schließlich fand ich ein ansprechendes Ambiente mit Happy-Hour-Tarifen. Ich konnte die Gebühr kaum ausnutzen, so großzügig war sie. Checken auf einem fremden Computer ist sehr anstrengend. Man benötigt dazu alle Passwörter, Usernames und muss sich am Ende auch wieder schön ausloggen oder abmelden. Und wenn ich doch einmal auf eine Seite zurück wollte, ging das Einloggen wieder von vorne los! Uffa!

Zweimal habe ich mir diese Unannehmlichkeiten zugetraut. Das letzte Mal ist Montagmorgen gewesen. Die Internet-Ecke war besetzt bis auf einen Rechner. Ich suchte den Knopf und stellte in an. Schon an der Tastatur konnte ich erkennen, dass es sich um ein älteres Modell handeln musste. Die Mouse war auch nicht gerade die folgsamste. Bald hat er mich genervt. Als er mich nicht mehr auf meine eigene Homepage ließ, nervte ich ihn bis er aufgab. In der Zwischenzeit konnte ich die Stellung wechseln. Es ging flüssiger, aber nicht ganz so erfolgreich, wie ich es gewohnt war.

Mein Laptop benötigt noch zwei Tage, es bekommt ein neues Kabel für die Festplatte. In der Zwischenzeit freue ich mich über mein altes Powerbook. Ich habe es vor neun Jahren gekauft. Es ist mir immer treu geblieben, ohne große Schwierigkeiten. Auch jetzt kann ich darauf schreiben, aber nicht mehr ins Internet. Dafür ist es definitiv zu alt.

Was habe ich ohne Internet gemacht? Endlich wieder einmal tüchtig gelesen. Vor allem Bücher, die auf meinem Nachtisch warteten. Treue Wegbegleiter, die sich nicht beschweren. Und ich habe viel nachgedacht. Über die Abhängigkeit von Computern. Früher hatte ich meine Notizhefte und Ordner und Disketten. Jetzt werde ich mir ein paar Sticks zulegen! Und Facebook, diese schöne Seite mit all’ ihren netten Menschen, die werde ich etwas langsamer angehen ...

Wie heißt es doch so schön? Was dich nicht umbringt, macht dich stark ...

Kommentar schreiben

Kommentare: 0