Der Wind, der Wind, das ehemals himmlische Kind ...

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind ...

Das war einmal, vielleicht, doch schon seit Jahren, Jahrzehnten, handelt es sich nicht mehr um ein Kind. Die Stärke und das Tempo haben so stark zugelegt, dass man von einer ausgewachsenen Potenz sprechen kann. Den Wind würde ich also lieber nicht mehr als Kind bezeichnen, sondern als eher rebellischen Erwachsenen.

Einst freute man sich über ihn. Er reinigte die Luft. Sein Gebläse vertrieb jeglichen Gestank. Er brachte den Samen auf die Wiesen. Jeder fand sein Kraut im Garten und zwar genau das, was er in jenem Moment brauchte. Er befreite die Bäume im Herbst von ihren abgestorbenen Blättern, damit sie sich im Frühjahr wieder erneuern konnten. Eine frische Brise im Sommer kühlte angenehm die heiße Luft ab. So bestimmte er einst die Jahreszeiten.

Aber was macht er heute? Immer häufiger wütet er als Orkan. Menschen und Häuser sind nicht mehr sicher. Flugzeuge dürfen erst gar nicht in seine Nähe kommen. Unwetter und Stürme kommen in immer kürzeren Abständen. Das geht schon so weit, dass wir sie beim Namen nennen!

Es ist bereits ein paar Jahre her, Anfang der 1990er hielt ich mich in Frankfurt am Main auf, als dort ein ganz gefährlicher Sturm sein Unwesen trieb. Viel blieb nicht in meiner Erinnerung hängen, aber die Umarmung einer Straßenleuchte hat sich fest auf meinem Memory Lane eingewurzelt. Das macht man auch nicht jeden Tag. Mit meiner ganzen Kraft hatte ich den eiskalten Pfahl umschlungen. Die einzige Möglichkeit, nicht auf die Straße zu geraten und unter das Auto geschleudert zu werden, dessen Fahrer verzweifelt seinen Fuß auf die Bremse gedrückt hatte und trotzdem vom Wind weitergeschoben wurde, ohne, dass er einschreiten konnte.

Der Wind ist ein völlig ausgewachsenes Element geworden und hat viele Namen bekommen. Monsun, Mistral, Taifun, Windhose, um nur einige zu nennen. Er peitscht uns die Dächer von den Häusern, entwurzelt jahrhundertealte Bäume und spielt Fußball mit unseren Autos.  Fast alles, was ihm vor die Nase kommt, wirbelt er durch die Luft. Kaum etwas oder jemand ist vor ihm sicher.

Vielleicht haben wir ihn auch zu sehr verärgert. Schließlich kitzeln wir ihn seit Jahrzehnten Tag und Nacht mit unseren Strahlen. Zuerst nur das Fernsehen, dann ein paar Satelliten, schließlich kam das Handy und gleich auch noch das Internet dazu. All’ das wird immer schneller und soll immer besser die Menschen auf diesem Globus verbinden. Wir gewöhnen uns ganz schnell an solche Bequemlichkeiten. Man denke nur mal an die Elektrizität und wie wir ohne sie dastehen würden! Und die wollen wir jetzt auch noch aus dem Wind herauspressen.

Es bleibt nur eine kleine Überlegung - schließlich sind wir doch in der Zeit der Besinnung, nicht wahr? – was würden wir tun, wenn uns ständig jemand am ganzen Körper kitzeln und zwicken würde?

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