JE NE SUIS PAS CHARLIE!

 

Ich kann mich beim besten Willen nicht an diesen Chor anschließen. In ganz Europa scheint es Solidaritätskundgebungen für ein französisches Satire-Magazin zu geben, das bis vor wenigen Tagen keineswegs einen derartigen Bekanntheitsgrad gehabt hatte. Erst ein fürchterliches Attentat sorgte dafür. Es war aber keineswegs ein Attentat auf die Pressefreiheit. Leider entspricht das nicht den Fakten. Satire, egal ob in Wort oder Zeichnung, bekleidet ein aktuelles Thema mit Humor und Ironie, in dem der eigentliche Kern zum Vorschein kommen soll damit ihn wirklich jeder verstehen kann. Dabei wird aber leider gerne über das Ziel hinaus geschossen und zwar so weit, dass sich subtile Ironie schnell mit einer provokanten Beleidigung verwirrt. Eine gesunde Ethik wird schon lange nicht mehr angewandt. Ein Papst ist auch schon auf dem Titelbild gewesen. Die Juden sind seit einiger Zeit verschont. Doch wer ist denn dünnhäutiger? Der Christ, der Jude oder der Moslem?

Fanatiker gibt es in jeder Religion. Und diese Menschen setzen ihr eigenes Leben ein, um ihre Welt auf eine ganz eigene Weise zu verteidigen. Gerade deshalb sind sie so gefährlich. In diesem Fall fühlten Muslime ihre Religion angegriffen, versuchten mit Drohungen diese zu verteidigen und irgendwann explodierten sie, ohne jegliche Konsequenzen zu beachten. Ihr eigenes Leben spielt keine Rolle. Ich habe mich nur gewundert, dass die Attentäter nach einem solch spektakulären Anschlag (er erinnerte mich sofort an den Film „Die drei Tage des Condors“ mit Robert Redford) auch noch eine Geiselnahme inszenierten. Wobei man einen gewissen Sarkasmus des Schicksals oder Zufalls (?) spüren kann: moslemische Attentäter töten christliche (?) Journalisten und verschanzen sich in einem jüdischen Lebensmittelladen. Die drei großen Religionen des Abendlandes vereinen sich in einem Schicksal, das zum Nachdenken einladen sollte. Der faktische Verlauf und der logische Ausgang dieses Terroraktes bleibt eine traurige Nebensache. Es ist mir viel wichtiger, diese Situation abstrakter zu erwägen. Hier geht es um religiösen Fanatismus, der sich seit Jahrhunderten pünktlich wiederholt und nicht um irgendeine Pressefreiheit.

Was ist denn Pressefreiheit überhaupt? Journalisten schreiben schon seit langem ohne Toleranz und Respekt für nichts und Niemanden. Sie erheben sich oft zu Richtern und verurteilen Unschuldige, noch bevor sie sich dazu bequemen, irgendwelche ernst zu nehmende Recherchen anzustellen. Beispiele könnte ich in verschiedenen Ländern hierfür anbringen. Heute hochgejubelt und morgen verschrien. Gerne auch gleich an den Pranger der Medien gestellt, bevor irgendein Indiz irgendeine Schuld oder auch das Gegenteil nachweisen kann.

Jeder intelligente Leser weiß, dass er mehr zwischen den Zeilen lesen muss. Die Wörter an sich entsprechen oft nicht dem, was sie eigentlich beschreiben. Heutzutage wird in den demokratischen Ländern des Okzidents viel zu schnell geschrieben und viel zu wenig korrigiert. Egal, ob es sich hier um banale Rechtschreibfehler oder gravierende Missachtung der wirklichen Fakten handelt.

Ich freue mich sehr, in Dean Baquet, Chefredakteur der New York Times, noch einen Mann mit gesundem Menschenverstand anzutreffen. Er steht offen dazu, die Karikaturen von „Charlie Hebdo“ zu selektionieren, damit er nur diejenigen weiter veröffentlicht, die seine Leser nicht in zu starke Verlegenheit bringen. Man kann nicht über alles und jeden lachen. Deshalb BIN ICH NICHT CHARLIE!

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