Wer kennt Raif Badawi?

Foto: Benjamin Edelstein
Foto: Benjamin Edelstein

Während der letzten beiden Wochen ist sehr viel über „Pressefreiheit“ diskutiert worden. Selbst im Bundestag wurde dieses Thema behandelt. Im Internet gab es kaum eine Seite auf der nicht darüber geschrieben und kommentiert wurde. Im Fernsehen und in den Radiosendern sprachen sich viele darüber aus. Jedoch die Grenze zwischen „Pressefreiheit“ und „Meinungsfreiheit“ ist sehr subtil. Es gibt Situationen, in denen professionelle Journalisten schweigen sollten, damit die Würde und der Respekt für den Betroffenen gesichert bleiben. Leider wird diese Ethik nicht mehr sehr oft angewandt. Dafür gibt es aber häufig krasse Fehler durch mangelnde oder oberflächliche Recherchen, die eine Berichterstattung schnell verfälschen und in eine unpassende Richtung verlaufen lassen.

Und doch sind Journalisten schon lange nicht mehr die mächtigen „Meinungsmacher“, die sie einmal gewesen sind. Eine neue Gruppe von selbstständigen, kreativen Menschen hat sich im Internet breit gemacht. Sie nennen sich „Blogger“. (Ich gehöre auch dazu.) Es ist eine neue Form, seine eigene Meinung zu verbreiten, ohne sich dazu am Hyde Park Corner aufstellen oder in die Spalten „Leserbriefe“ limitieren zu müssen. Jeder, der die Sprache versteht, in der geschrieben wird, kann den Blog lesen und anschließend auch kommentieren. Manche Blogger beeinflussen schon Stilrichtungen, Modezeitschriften und einiges mehr. (Dazu gehöre ich (noch) nicht.) Alle haben eines gemeinsam: sie schreiben ihre eigene, authentische Meinung zu ihrem jeweiligen Thema.

Persönlich habe ich weder Präferenzen, noch bleibe ich bei meinen Beiträgen einem Leitgedanken treu. Meine Blogs sind auch keine Appelle oder Aufrufe zu irgendetwas oder gegen irgendjemanden. Ich äußere meine persönliche Meinung oder erzähle eine Geschichte. Natürlich kann ich mich auch mal über etwas hinreißen lassen.

Dieses ganze Geschrei über einen Angriff auf die Presse- oder Meinungsfreiheit als Folge des Pariser Terroranschlages brachte dem Satire-Magazin eine beeindruckende Werbung, die sofort in enorme Sonderauflagen ausartete.  Von solchen Schlagzeilen und entsprechender Aufmerksamkeit in den Medien kann Raif Badawi leider nur träumen. Keine Auslandskorrespondenten zeigten die Mahnwachen vor den saudischen Botschaften in verschiedenen Teilen der Welt. Es ist ja „nur“ ein Mann, den man noch retten könnte. Es handelt sich nicht um zwölf Tote. Mag es daran liegen? Nur eine kleine Minderheit, jedoch zusammen mit den Vereinten Nationen, versucht, diesen Mann von seiner absurden Strafe zu retten, die er bekommen hat, weil er seine eigene Meinung in einem strenggläubigen Land nicht laut sagen oder schreiben darf.

Raif Badawi hatte in Saudi-Arabien ein Online-Forum gegründet, in dem er auf die allmächtige Politik und fanatische Religion, die in seinem Land herrschen, aufmerksam machen wollte. Wer von uns Europäern kennt schon eine „Religionspolizei“? Für seine Beiträge im Netz wurde Badawi zu einer Strafe von zehn Jahren Haft, 1000 Peitschenhieben und umgerechnet 200.000 Euro Bußgeld verurteilt. Allein die Peitschenhiebe kommen einer grausamen Todesstrafe gleich. Ausgeführt in wöchentlichen „Raten“ erhöhen sie nur noch die Tortur. Kein menschliches Wesen hält das durch.

Für ihn gehen keine Menschenmassen auf die Straßen und rufen: „Ich bin Raif Badawi“.

Millionen von Menschen haben sich mit einem Satire-Magazin „identifiziert“, dessen Humor zumindest diskutierbar ist, als ob dadurch die sogenannte „Pressefreiheit“ beschützt werden könnte. Aber, wer von diesen Millionen kennt Raif Badawi und sein weiterhin existierendes Problem mit der Meinungsfreiheit? Oder geht „uns“ das wieder einmal nichts an, weil es sich in einem orientalischen Land ereignet hat und nicht mitten in Paris?

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