Schweigen ist Yoga für die Seele

Das Schweigen ist für mich erholsame Regeneration. Kein Smalltalk, keine Floskeln, keine erzwungenen Kommentare. Auf Antworten warten lassen bis sich die Worte zu sinnvollen Sätzen zusammengefunden haben.

Schweigen hilft, das Chaos im Kopf auszusortieren. Obsessive Gedanken werden verworfen. Probleme bekommen ihre verdiente Analyse. Pläne und Wünsche erleben neue Konzepte. Mit dieser Ruhe werden die auseinandergeratenen Mosaiksteine wieder zu einem überschaubaren Puzzle vereint.

Geist und Seele atmen auf. Die Vernunft hat ihren Urlaub beendet. Klarsicht und Klugheit schärfen die Urteilskraft. Die Erkenntnis ist auch wieder in ihrem vertrauten Ambiente.

Während einer Konversation wird das Schweigen doppelt gefordert. Zum einen muss es zuhören und verstehen. Zum anderen soll es mitdenken und formulieren. Diese Vorgänge sind zweigleisig und überschneiden sich gerne. Ich höre lieber zu und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Sie dürfen selbst bestimmen, wann und ob sie überhaupt eingreifen. Wird eine Frage in den Raum gestellt, deren Antwort sich die Höflichkeit verschrieben hat, tut es immer gut, einen Augenblick länger zu warten als nötig wäre. Ist der Gesprächspartner intelligent, lässt er dich warten. Ist das nicht der Fall, unterhält man sich gerade mit einer Person, deren Selbstbewusstsein vor Unsicherheit strotzt. Wenn man von ihr auch noch die Antwort vorgesagt bekommt, dann kann man sicher sein, dass es sich nicht um einen kultivierten Dialog handelt.

Die Kunst des Schweigens liegt in den Pausen.

Der kluge Redner benötigt hin und wieder einen Ruhepunkt, währenddessen er sich seine nächsten Sätze vorbereitet. Gerne werden Menschen bewundert, die sich „druckreif“ äußern können. Sie sprechen langsam und bedacht. Halten auch mal eine angemessene Pause ein. Begegnen sie intelligenten Zuhörern, wird die stille Zeit mit Blicken gefüllt. Ein gegenseitiges Feingefühl erhöht den Genuss dieser Konversation. Diese Unterbrechungen haben oft nur die Dauer von wenigen Sekunden, einem oder zwei Wimpernschlägen. Jedoch genügen sie, um den Einklang der beiden Redner zu vertiefen und ihre identische Kongruenz zu festigen. Bei diesen Unterhaltungen gleicht sich Sprache und Schweigen in perfekter Harmonie aus. Eine Sinnenfreude, die leider nicht oft anzutreffen ist.

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