Frühjahrsputz will auch die Seele

Frühjahrsputz. Das bedeutet nicht nur, die Wohnung oder das Haus gründlich zu reinigen. Natürlich tut es gut, wenigstens einmal im Jahr Dachstuhl und Garage aufzuräumen oder gar zu entrümpeln. Da werden Erinnerungen aufgefrischt. Alte Sachen kommen wieder aus der Vergessenheit zurück. Liegengelassenes wird wieder aufpoliert. Das macht Spaß und bringt eine gewisse innere Genugtuung mit sich.

Ebenso wichtig ist es aber auch, die Seele von angestautem Ärger und angesammelten verbalen Verletzungen und verdrängten Ungerechtigkeiten zu befreien. Irgendwann muss all dieser Unrat entsorgt werden. Am geeignetsten wäre ein befreiendes Gespräch mit den interessierten Menschen. Mit denjenigen, die uns verletzt haben oder gar ungerecht behandeln, die uns zum wiederholten Male geärgert haben.

Nicht immer ist es jedoch einfach, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Auch ist es nicht leicht, die Unstimmigkeiten in vernünftigen Sätzen formulieren zu können und mit einer gewissen Ruhe dem Gesprächspartner begreiflich machen. Gerade, wenn man sich ungerecht behandelt gefühlt hat, oder gar in seinen Gefühlen laufend verletzt wurde, verlangt es trotzdem ein gewisses Fingerspitzengefühl, diese Kontroversen zu bereinigen.

Jeder Charakter reagiert anders. Aber jeder sollte trotzdem die Gelegenheit bekommen, sich von seinen Uneinigkeiten befreien zu können. Der Seele tut es gut, wenn sie alles auswerfen kann, wenn sie wieder offen ist für neue Begegnungen, für frische Eindrücke.

Nicht jeder ist aber im Stande sich mit Worten zu verteidigen. Auch er sollte seine Chance bekommen. Eine schweigende Umarmung ist bei ihm mehr wert, als tausend unnötige Wörter; die meist nur brechend und stolpernd ihren Sinn verlieren, bevor sie an ihr Ziel kommen. Auch diese sollte man annehmen können.

Nur die Klarheit kann falsche Auslegungen korrigieren und die verschiedenen Meinungen auf eine gemeinsame Bahn lenken. Wir müssen nicht alle denselben Standpunkt haben. Aber wir sollten wenigstens über den nötigen Respekt verfügen können. Vor allem den Respekt vor uns selbst, damit unsere Seele sich regenerieren kann.

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