Der Blick starrte sie an

Der Spott sprang aus den Augen und zog über das ganze Gesicht bis er sich in den zuckenden Mundwinkeln zu einem höhnischen Grinsen entfaltete.

Du kannst nichts!

Du bist nichts!

Der Mund bewegte sich nicht, aber die Gesichtszüge schienen diese Worte zu schreien. Das Schweigen wurde eisig. Niemand bemerkte die innere Wut von Barbara, aber ihr Blut raste in den Adern und überschüttete das Herz mit einem Blutschwall bis dieses zu flattern begann.

Beruhige dich!

Sie ist es nicht wert!

Die Gedanken flogen von allen Seiten herbei. Sie wollten Barbara helfen, das aufsteigende Adrenalin zu verarbeiten, ihren Blutdruck wieder zu senken. Das war ein schweres Stück Arbeit. Barbara zog es vor, sich von ihrem Platz zu erheben. Sie wollte gehen, sich von dieser Person entfernen.

Draußen in der frischen Kühle des ersten kalten Novembertages suchte sie nach Klarheit. Sie wurde von ihren Gedanken erhört. Der lebhafte Wind vertrieb ihren Ärger und sorgte für einen mentalen Kurswechsel.

Ich kann so viel!

Ich will es niemandem mehr beweisen!

Ihr Blutdruck hatte sich schon seit vielen Schritten normalisiert. Ohne es zu bemerken, war sie unten am Fluss angekommen. Die Strömung des Wassers schien schneller als an anderen Tagen zu sein. Oder bildete sie sich das nur ein? Barbara ging langsam, aber der Fluss an ihrer Seite schien es eiliger zu haben. Sie sah sich um. Kein Schiff verursachte diesen Wellenschlag. Niemand war auf dem Wasser zu sehen. Nur die Schaumkronen vermehrten sich. Die Gischt zischte auf. Das Wasser begann zu brodeln.

Ein Schauer überfiel den Rücken von Barbara. Bei ihr am Ufer war es windstill. Kein Blatt rührte sich. Kein Grashalm bog sich. Die Enten und Schwäne waren verschwunden. Die Vögel blieben in den Bäumen versteckt. Selbst die Luft hielt ihren Atem an.

Was ist hier los?

Wo bin ich?

Barbara drehte sich um. Kein einziger Spaziergänger führte seinen Hund aus. Kein Radfahrer fuhr mehr vorbei. Der Weg war sehr geradlinig. Man konnte sehr weit nach Süden und nach Norden sehen. Von allen Himmelsrichtungen kam langsam ein dichter Nebel auf. Schon sah sie die Eisenbahnbrücke im Süden nicht mehr. Erschrocken drehte sie sich um. Auch der Fußgängerübergang verhüllte sich im weißen Dampf. Verwirrt blieb sie stehen und suchte einen Grund auf dem Fluss. Dort brodelte das Wasser wie von einem schweren Sturm aufgewühlt. Die Wellen schlugen immer höher.

Das ist der Grund für den Nebel.

Es ist nur die Feuchtigkeit dieses Naturschauspiels.

Barbara wollte sich selbst beruhigen. Sie kannte diesen Gehweg sehr gut. Sie wusste wie sie weiter laufen konnte. Aber sie kam keinen Schritt vorwärts. Fassungslos fixierte ihr Blick das stürmische Wasser. Der Fluss war nicht sehr tief. Irgendetwas schien sich da unten zu quälen. Als ob der Wasserlauf etwas ausspucken wollte.

Mich bedrückt mein Problem.

Aber, dem Fluss geht es wohl auch nicht besser.

Für einen kurzen Augenblick war ihr Humor zurückgekommen. Sie versuchte, ihren Körper zu straffen und die Richtung der Stadt einzuschlagen. Der Nebel hatte sie eingeholt. Sie konnte keine Umrisse mehr erkennen. Nicht einmal den Boden unter ihren Füßen. Jetzt wurde es ihr doch ungemütlich. Das Zischen des Wassers neben ihr wurde immer lauter. Endlose Augenblicke schienen zu vergehen bis sie sich orientierte und einen Blick auf das Getöse wagte. Langsam bekamen die Schaumkronen eine groteske Form.

Da wird mir doch nicht gleich Poseidon entgegenkommen.

Noch lachte ihr Geist. Barbara war nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen. Furcht kannte sie auch nicht. Eher war sie fasziniert von dem unheimlichen Geschehen um sie herum und suchte nach einer logischen Erklärung.

Soll das der erste große Herbststurm sein?

Was sich vor ihren Augen bewegte, hatte jedoch nichts mit Naturereignissen zu tun. Die Landseite neben und hinter ihr existierte schon lange nicht mehr. Eine dichte, weiße Verschwommenheit hatte die Realität verdrängt. Vor ihr verwandelte sich das Wasser in ein aufrechtstehendes Wesen. Sie erkannte ein riesiges Auge. Gleich darunter öffnete sich der Schaum.

„Erkennst du mich nicht?“

Barbara wich einen Schritt zurück. Erschrocken spürte sie einen Widerstand hinter sich. Blitzschnell drehte sie sich um. Nur eine weiße dunstige Mauer prallte auf sie. Mit den Händen versuchte sie, sich dagegen zu stemmen.

Es ist doch nur Nebel.

Ihr Verstand funktionierte noch. Aber die Trübung ließ sich nicht durchdringen. Angeekelt schwenkte sie ihren Blick zurück zu dem Monster da draußen auf dem Fluss. Wenigstens hielt sie es noch für einen Fluss. Das Wasser war weiterhin deutlich zu sehen. Jedoch war jegliche Vegetation verschwunden. Bestürzt suchte sie ihre Füße. Es gab keinen Übergang mehr zwischen dem Nebel, der sie festhielt und dem Wasser, wenige Meter vor ihr.

Das Monster aus Gischt und Schaumkronen brodelte fröhlich vor ihren Augen. Das eine Auge schien zu zwinkern. Die Öffnung darunter begann wieder zu speien.

„Ich bin dein Gewissen!“

Barbara lachte laut auf. Das war doch mehr als sie erwartet hätte. Sie fand es einfach lustig. Dieses Gebilde aus Wasser und Schaum vor ihr mit dem eigenartigen Auge auf einer imaginären Stirnseite erheiterte ihr Gemüt. Sie wollte sich vorstellen, dass dies alles ein Scherz ihres Geistes war, den sie gerade bemüht hatte, eine Lösung für ihr Problem zu finden. Forschend fixierte sie die Schaumbewegungen unterhalb des Auges. Sie wollte herausfinden, wie es sein konnte, dass sie daraus Stimmen hörte. Es kamen aber keine Wörter mehr zu ihr. Die Gestalt starrte sie nur mit seinem einzigen Auge an. Der Blick wurde strenger. Da warf der Schaum wieder seine Blasen aus.

„Du glaubst mir nicht?“

Barbara entspannte ihre erstarrten Glieder. Diskret versuchte sie, sich umzuschauen. Nirgends konnte sie die Spur von Realität erkennen.

Ich träume doch!

Das kann es alles nicht geben!

Ihr rationaler Geist schien noch zu funktionieren. Widerspenstig suchte sie einen Weg im dichten Nebel. Unsichtbare Hände hielten sie zurück. Gefangen im weißen Licht wandte sie sich erneut dem gespenstigen Wesen zu. Es schien auf sie zu warten. Da sie nicht weglaufen konnte, war sie gezwungen, den Spaß mitzumachen. In die Fluten wollte sie sich nicht stürzen. Das war kein Ausweg für sie. Lieber mit dem Monster reden.

„Was willst du von mir? Ich kenne dich nicht.“

Jetzt quellte der Schaum in einem berstenden Lachen. Der Klang war so gruselig, dass Barbara Gänsehaut bekam. Sie fand das alles gar nicht mehr lustig. Diese Situation war ihr aus den Fugen geraten. Sie konnte sich  nicht mehr orientieren. Ihre anfängliche Belustigung wuchs allmählich in einen entmutigenden Ärger aus. Sie konnte sich nicht alleine von hier wegbewegen. Das war ihr klar.

„Du kennst mich sehr gut!

Du hast mich nur vor zu langer Zeit weggeschickt.“

Barbaras Blick wurde missmutig. Diese Kritik konnte sie nicht annehmen. Sie übernahm immer die Verantwortung für ihre Wörter und ihre Taten. Es gab nur ein paar Gefühle, die in ihr erfroren waren und die sie mit souveräner Gleichgültigkeit ersetzt hatte. Eines davon war das Vertrauen in die Menschen. Wie sehr hatte sie sich stets Freunden, Bekannten und Verwandten aufgeschlossen gegenübergestellt. Ihr Entgegenkommen wurde aber nicht mit der gleichen Münze erwidert. Neid, Argwohn und Intrigen haben in ihr ein Misstrauen wachsen lassen. Zuerst schien sie daran zu verzweifeln. Dann aber mutierte es immer mehr in eine dickfellige Gefühllosigkeit. Nichts mehr konnte sie weder beeindrucken, noch einschüchtern und kaum jemand faszinierte sie noch. Ihre Seele hatte eine hohe Mauer aus Zweifel gebaut, deren Türme akribisch darauf achteten, von keinen intriganten Hintergedanken angegriffen zu werden.

Barbara hatte sich wieder entspannt. Das schäumende Wesen vor ihr war ihr beinahe familiär geworden. Jedenfalls fühlte sie keine Angst und Enge mehr. Sie war bereit zu einem Dialog.

Willst du mit mir diskutieren?

Liebes Gewissen, du kannst mich nicht mehr beeinflussen.“

Das gigantische Auge kniff sich zusammen. Ein schmaler Spalt war noch auf dem körperlosen Etwas zu erkennen. Feine Bläschen tröpfelten aus der schaumigen Öffnung. Die wesenlose Stimme war auf einmal leise, fast tonlos.

„Du kannst nicht ohne mich leben!

Keiner kann das.“

Jetzt lachte Barbara schallend auf. Die hohen Wellen schwangen beinahe auseinander. Das Auge kullerte gefährlich auf der Schaumkrone. Der dunstige Nebel lichtete sich erschrocken. Barbara sah die ersten Büsche wieder kommen. Ihr Lachen wollte nicht enden. Sie stärkte es mit Selbstvertrauen und gesundem Menschenverstand. Sie lachte weiter bis sie kaum noch Luft in den Lungen hatte. Triumphierend betrachtete sie die geisterhaften Wasserspiele, die sich schon fast am gegenüberliegenden Ufer befanden.

„Bleib ruhig wo du jetzt bist und lasse mich in Ruhe!“

Büsche und Bäume gesellten sich wieder zu ihr. Der Gehweg zeigte klar seine Umrisse. Auf der Brücke fuhr ein ratternder Güterzug vorbei. Die Vögel begannen zu zwitschern. Ein Hund bellte. Sein Herrchen versuchte vergebens, ihn zurückzupfeifen. Barbara blickte sich um. Sie war noch auf dieser Welt. Sie lebte weiter in der Gegenwart. Der Fluss hatte sich ebenfalls wieder beruhigt. Ein Schiff glitt zügig an ihr vorbei. Kein Auge und kein Schaum waren mehr auf den winzigen Wellen zu erkennen, die sich eiligst am Uferrand zerschlugen.

War es das?

Musste ich mein Gewissen besiegen, um mein Problem zu lösen?

Barbara war entzückt über diesen Gedanken. Mit frischer Energie und neuen Ideen hakte sie die Hirngespinste ab. Es ist doch nur alles ein Trugbild gewesen. Ein Produkt ihrer Phantasie, die in diesem Moment versucht hatte, bei ihr durchzudrehen. Ihre Schritte wurden immer schneller. Ihr Atem wurde kürzer. Das freigesetzte Adrenalin sorgte für einen ansteigenden Blutschwall, dem sie nicht mehr gewachsen war. Die Brücke war noch fern. Der Weg hatte kein Ziel mehr. Das Ende nahte mit einem dunklen Drang. Ihr Instinkt bestätigte die Befürchtung. Das weiße Licht kam zurück. Ein schneller Blick auf den Fluss. Der folgte gemächlich seiner Strömung. Kein Auge blickte auf sie. Kein Schaum sprach mit ihr. Sie spürte ihre Beine nicht mehr. Ihre Knie beugten sich. Sie stolperte und fiel hin.

Das Gewissen hatte sie eingeholt.

 

 

 

 

 

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