Der Ausweis ist gnadenlos

Der Ausweis ist gnadenlos. Das Geburtsjahr steht fettgedruckt. Eigentlich könnte ich schon lange Großmutter sein. Da ich keine eigenen Kinder habe und dementsprechend keine Enkel, tobe ich gerne mit den Kids (vorwiegend im Kindergartenalter) von Freunden und Verwandten herum. Das bringt Schwung in die Gelenke und verjüngt Geist und Seele. Und die wiederum sorgen dafür, dass auch meine Haut etwas Gutes davon abbekommt.

Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich immer noch die junge Frau, die ich in mir spüre. Ich kann mich einfach nicht an die konstant aufsteigende Zahl gewöhnen, die ich angeben soll, wenn ich nach dem Alter gefragt werde. Das ist mir immer wieder peinlich. Es ist seit jeher verpönt und es wird auch immer so bleiben, eine Dame nach ihrem Alter zu fragen. Dieses kleine und gerne auch süße Geheimnis sollten wir doch wohl behüten können.

Mit 20 wollte ich immer älter aussehen. Die ersten 40 Jahre pflegte ich jeden Zentimeter meines Körpers. In meinem Badezimmer sah es aus wie in einer kleinen Parfümerie. Für jeden Körperteil das „richtige“ Produkt.

Irgendwann begann ich, mit derselben Akribie, meine Seele zu pflegen. Die innere Balance ist eines der höchsten Glücksgefühle, die ich erleben durfte. Sie zu erhalten ist viel anstrengender als die dazu gehörende Körperhülle zu pflegen. Sie will viel mehr Streicheleinheiten. Sie will auch manchmal gar nicht so ausgeglichen sein wie es gut für sie wäre. Dann muss ich erst die Erfahrung dazu holen, damit sich meine Balance wieder einpendelt.

Solange wir vergeblich in unserem Gesicht nach Falten suchen, solange wir kaum Stellen finden, an denen die Haut Kompatibilität verliert, solange es unser Geist noch mit dem der Zeit aufnehmen kann. Solange brauchen wir auch kein bürokratisches Alter!

 

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