Austeilen ja, einstecken nein

Die Sensibilität ist kein exklusives Gefühl. Wir haben sie alle. Manche meinen jedoch, nur sie sind verletzlich, nur sie sind empfindsam. Die anderen müssen aufpassen, was sie sagen, wie sie es sagen, was sie tun, wie sie es tun. Austeilen war schon immer einfacher, schmerzloser und bequemer als einstecken. Die Reaktion jedes einzelnen zeigt die individuelle Schmerzgrenze an. Kaum jemand, der gerne austeilt, akzeptiert die gleiche Behandlung von einem anderen. Dabei schirmt er nur sein Selbstmitleid, in dem er sich so gerne wiegt. Beißende Kommentare haben oft einen schwachen Hintergrund. Minderwertigkeitskomplex ist ein langes Wort. Noch länger benötigt man, mit ihm fertig zu werden, falls es überhaupt so weit kommen kann. Viele sind sich dessen nicht einmal bewusst. Ihre oft taktlosen Bemerkungen fallen ihnen nur auf, wenn sie als Bumerang zurückkommen.

Gefühle sind schnell verletzt. Man kann ihre Fragilität nur schwer schützen. Ironie und eine große Portion Geduld hilft der Selbstbeherrschung eine Attacke auf die eigene Empfindlichkeit am besten zu ignorieren. Leider gibt es auch in unserem Gehirn so etwas wie ein Echo. Das hallt die Wörter nach, am liebsten dann, wenn wir sie gar nicht mehr hören wollen. Ganz schlimm wird diese Wiederholung, wenn sie sich in obsessive Gedanken verwandelt. Unerträglich verfolgen sie uns auf Schritt und Tritt. Nichts und niemand bringt sie von ihrer Verfolgung ab. Bewegung und Ablenkung sind gefragt. Jedoch bleibt die geistige Arbeit in der Verarbeitung emotionaler Aufwühlungen blockiert. Es wird sehr viel vitale Energie vergeudet. Diese unruhigen Geister kommen aber erst zur Ruhe sobald wir sie beherrschen und verarbeiten können. Der Weg dahin ist lange und mühsam.

Der Idealfall wäre, negative Ereignisse und Wörter sofort abhacken und sie in seiner geistigen Mülltonne entsorgen zu können. Die Fähigkeit besitzen, dieses obsessive Echo gar nicht erst zum Klingen zu bringen. Ebenso wichtig ist es, eine unnötig hochgespielte Sensibilität als ein unverarbeitetes Selbstmitleid zu identifizieren. Damit wird den überspitzten Reaktionen von vornherein der Wind aus den Segeln genommen und die eigene Sensibilität bleibt unverletzt.

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Светлана Петровна (Freitag, 13 November 2015 13:16)

    Вы действительно удивительная женщина, Марина. Тонко чувствующая, умная и интересная. Вы очень интересный собеседник