Fotografien - die gnadenlosen Zeugen unseres Lebens

Benjamin Edelstein
Benjamin Edelstein

Fotografien dokumentieren unerbittlich unsere Realität. Das sollten wir nicht unterschätzen. Sie können längst vergessene Augenblicke wieder zu neuem Leben erwecken.

So erging es mir vor ein paar Tagen. Beim Aufräumen in einer großen Schublade kam ein Foto zum Vorschein, dessen Existenz ich vehement leugnen würde, wenn mich jemand darauf angesprochen hätte. Aber das Foto war echt. Es lag in meiner Hand. Ein matter Druck aus einer anderen Zeit.

Ich betrachtete ein junges Mädchen in einem viel zu knappen Bikini. Sie war dabei, einen winzigen Augenblick später, Wasser aus einem Eimer über den Körper eines schlafenden Mannes zu schütten. Das war damals an den italienischen Stränden eine (un)beliebte Tradition an „Ferragosto“.

Dadurch konnte ich genau den Ort und sogar das Datum bestimmen. Riccione, 15. August 1980.

Jetzt muss ich aber erst einmal tief durchatmen. Das ist lange her. So ein Foto kann einem gnadenlos den Spiegel der Zeit vorhalten. Der Mann auf der Strandliege ist immer noch an meiner Seite. Obwohl ich ihm damals einen ungesunden, eiskalten Schreck zugeführt habe. Er hat es augenscheinlich gut überlebt. Heute trage ich keine Bikinis mehr,  obwohl die Figur gleich geblieben ist. Jedoch hat sich das Stilgefühl deutlich verbessert.

Instinktiv will man solche Schnappschüsse sofort zerreißen. Wie konnte ich nur...? Aber dann halte ich inne und suche weitere Details auf dem Foto. Ein fremder Betrachter sieht sie nicht. Allein mein Unterbewusstsein beginnt langsam sich zu öffnen. Auf einmal werden Erinnerungen wach. Ich versuche mich für endlose Augenblicke in die Zeit zu versetzen, als das Foto entstand. Es ist der erste Sommer für uns beide gewesen. Drei Monate, in denen so viel passiert ist, in denen wir uns geliebt, getrennt und wieder versöhnt haben. Was kommt da nicht alles ins Gedächtnis zurück!

Das Foto blieb immer länger in meiner Hand. Ich wollte es nicht mehr vernichten. Ich war ihm dankbar, so lange auf mich gewartet zu haben. Ich war ihm dankbar für die schönen Erinnerungen, die in meinem Geist so lange verborgen waren und nun wieder aufgetaucht sind. Sie sind ein Teil von mir, sie waren nur kurz beiseitegeschoben. Ein altes Foto hat sie wieder aufgefrischt.

Die Unbekümmertheit dieser alten Bilder vertieft die Wurzeln auf unserem Memory Lane. Ein Stück von unserem Leben, das wir keinesfalls missen sollten.

 

 

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