Panikmache gilt nicht!

Ich saß im Auditorium in Mailand. Der modernste Konzertsaal der Stadt. Es war zu Beginn dieses Jahrtausends. Die Folgen des 11. Septembers schlugen ihre Tsunami-Wellen bis nach Europa. Besonders in den Flughäfen spürte man die außergewöhnlich strengen Sicherheitskontrollen. Meinem Mann wurden bei Inlandsflügen regelmäßig die kleinen Scherchen aus seinem Necessaire beschlagnahmt. Die Nachrichten in den Medien sprachen nur noch von islamischen Terroristen, Bin Laden und bösen Arabern.

Ich saß entspannt auf meinem schönen, bequemen Sessel, oben am seitlichen Balkon. Langsam füllte sich der Saal. Ich freute mich auf das Konzert. Die Welt hatte ich draußen gelassen. Brahms und Beethoven waren jetzt wichtiger. Seit über zehn Jahren begleitete ich schon dieses junge Orchester. In den Gründerjahren bin ich Mitglied ihres Fördervereins gewesen. Ein Konzertbesuch im Auditorium war für mich wie ein Besuch bei sehr guten Freunden.

Unten im Saal stand ein junger Mann in der zentralen Kreuzung der Bestuhlung. Er trug eine typische Safarijacke mit vielen Taschen. Sein Gesicht versteckte er hinter einem pechschwarzen Bart. Ein leichter Schauer überflog mich. Der Typ blieb dort stehen und sah sich um. Es war der zentralste Punkt des Konzertsaals. Laufend blickte er von links nach vorne, nach rechts, aber nie ging sein Blick auf die Tür hinter ihm. Die wenigen Minuten bis zum Beginn des Konzertes schienen sich ins Unendliche auszudehnen. Meine Augen blieben hypnotisiert auf seiner Figur. Er rührte sich nicht von der Stelle.

Hatte er Sprengstoff in seinen vielen Taschen? Wollte er abwarten, bis alle im Saal waren? Warte ich hier auf das Ende meines Lebens? Ist es das gewesen?

Meine Gedanken wurden immer panischer. Ich dachte an meinen Mann und wie sehr ich ihn liebe. Ich suchte nach schönen Erinnerungen auf meinem Memory Lane. Aber alle Bemühungen blockierten sich beim Anblick dieses jungen Mannes. Sein dunkler Bart, sein Auftreten. Warum setzt er sich nicht endlich hin? Auf seiner Karte sind Reihe und Platz genau aufgezeichnet. Setz’ dich endlich hin! Er schien sich auch nicht daran zu stören, wenn die ankommenden Menschen um ihn herum laufen mussten, weil er genau in der Mitte dieser Kreuzung stand.

Ich wurde immer unruhiger. Das ist das Ende. Zeit zur Flucht gibt es nicht mehr. Bald werden die Türen geschlossen ... und es knallt.

Da saß der junge Mann plötzlich in der ersten Reihe des Kreuzgangs unten im Parkett und freute sich, dass sein Kumpel endlich angekommen ist. Gerade noch rechtzeitig, bevor das Orchester die Bühne betrat.

Ich ärgerte mich. Über die Medien. Über die Panikmache. Über mich selbst. Nie mehr werde ich mich davon beeinflussen lassen.

Genau das fühle ich jetzt in Deutschland. Es scheint ein ähnliches Szenario wie nach dem 11. September. Diesmal bin ich um ein Jahrzehnt älter, erfahrener, weiser. Ich lasse mich nicht mehr von den unzumutbar schlechten Reportagen beeinflussen. Vor allem stört mich an den vielen gesagten und geschriebenen Worten, dass sie kaum einen Sinn ergeben und oft falsche Aussagen hören lassen. Nur irgendwie die Zeit und die Zeitung füllen wollen. Deshalb höre ich nicht mehr zu. Deshalb lese ich nur noch die Titel der Zeitungen. Selten ist einer davon so gut geschrieben, dass ich neugierig auf den Artikel bin...

 

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