Weihnachten - wie ich es sehe

Weihnachten. Das Fest der Liebe. Das Fest der Besinnung. Das Fest der Versöhnung. Das Fest der Hypokrisie.

 

Es beginnt eine Zeit, in der sich die Menschen auf Geschenke und Dekorationen und Essen konzentrieren wie in keiner anderen Jahreszeit. Dabei ist die Adventszeit, mal rein religiös gesehen, eine Fastenzeit. Aber das wissen nur noch die wenigsten. Überall gibt es Weihnachtsfeiern. Ihr Inhalt entspricht jedoch nicht dem Sinn von Weihnachten. Sie sind im besten Fall ein ganz normales Fest mit Essen und Trinken und Austausch von Kollegen und Gleichgesinnten, die zusammen arbeiten oder im selben Verein tätig sind. Es wird zu viel gegessen, und nicht selten auch zu viel getrunken. Die Gespräche handeln bestimmt nicht von Jesus Christus, sondern eher von ganz und gar irdischen Sorgen und Problemen und Erfolgen und Fehlschlägen.

 

Spendenaufrufe gibt es das ganze Jahr über. Jedoch niemals in einer solch widerlichen Anhäufung wie in der Adventszeit. Sie kommen per Post, damit sie den ganz persönlichen Nerv treffen sollen. Sie kommen im Fernsehen, getarnt als „Galas der Musik“. Wer mitmacht hat ein gutes Herz, wer überhaupt nicht dazu schaltet hat einen gesunden Menschenverstand. Warum muss ich mir gerade zur Weihnachtszeit vorwerfen lassen, wie gut es mir (angeblich) geht und wie schlecht es anderen Menschen geht? Mit welcher Arroganz werden diese Shows abgezogen? Vielleicht gehöre ich auch zu den Bedürftigen? Wie viele Menschen sind krank und leiden für sich, weil sie keinen Freund oder Verwandten haben, der den richtigen Journalisten kennt und seine Tragödie ins Fernsehen bringt? Wie viele Menschen sind arm und schämen sich ihrer Situation? Ihnen bleibt nur noch ein Funke menschlicher Würde, mit der sie verzweifelt versuchen, die Achtung vor sich selbst nicht zu verlieren.

 

Damit sind wir bei der trostlosesten aller Weihnachtsgefühle – der Nächstenliebe! Weihnachten soll man nicht alleine feiern. Ladet die Einsamen zu euch ein. Gebt den Obdachlosen ein warmes Essen. Wunderbar! Dann sind eure Gewissen wieder reingewaschen von allen Sünden, die sich im Laufe eines Jahres anhäufen! Wie peinlich das Ganze ist, wenn man zwei Tage später darüber nachdenkt. Der Einsame ist wieder allein. Der Obdachlose kehrte zurück an seinen Platz auf der Straße. Die Welt ist erneut in Ordnung. Den Weihnachtstag haben sie nicht alleine verbringen müssen. Das schreit doch nach Hypokrisie! Entweder kümmere ich mich um den alleinlebenden Verwandten oder den depressiven Freund auch an anderen Tagen des Jahres, aber ich heuchle nicht irgendeine „christliche“ Nächstenliebe, die nach Egoismus nur so stinkt. Mein Gewissen ist rein. Ich habe dich ja an Weihnachten nicht alleine gelassen. Morgen kannst du wieder deinen Depressionen Gesellschaft leisten. Ich habe meinen Zoll als Christ erfüllt. Wie ekelhaft!

 

Persönlich bin ich sehr glücklich einen Mann gefunden zu haben, der mich schon vor dem ersten Date davor gewarnt hatte, dass er zu bestimmten, obligatorischen Jahrestagen nicht beabsichtigt, irgendwelche überflüssigen und meist erzwungenen Geschenke zu besorgen. Damals versprach mir mein Mann, dass er die schönsten Gaben und gelungensten Gesten in dem Augenblick übergeben würde, in dem er sie entdeckt und in dem sie ihm in den Sinn kommen. Das war das schönste Geschenk, dass er mir machen konnte! Wie viele Menschen zerbrechen sich den Kopf ohne Phantasie, kaufen das Nächstbeste oder weil es gerade als Schnäppchen angeboten wird. Nach den Feiertagen rollt unvermeidlich die Umtauschwelle in den Geschäften und im Internet. Dafür gibt es dann Ebay. Nicht Gewünschtes kann man dort unterbringen. Die Pflicht des Geschenkes ist ebenso geschmacklos und widerlich wie die, auf zwei drei Tage limitierte, christliche Nächstenliebe.

 

Ich versuche, jeden Tag meines Lebens damit zu verbringen, das Unmögliche zu meistern. Für Wunder bin ich nicht mehr zu haben. Ich wünsche euch etwas mehr Besinnung und dieses Jahr streitet vielleicht etwas weniger mit euren Verwandten während des (eigentlich vermeidbaren) Familientreffens. In den letzten Jahren konnte ich mich leider auch nicht mehr dieser „Tradition“ entziehen. Da muss man durch, mit viel Höflichkeit und Geduld. Ich hatte mein berufliches Leben auch an Weihnachten. Da fiel es mir nicht schwer, ein „Frohe Weihnachten“ als Gruß zu verwenden. Es lockerte die Stimmung und holte ein überzeugendes Lächeln auf die Lippen. Die Kerzen leuchteten bis ins Herz und die Atmosphäre hüllte sich in ein festliches Vergnügen. Deshalb fehlt mir meine Arbeit in diesen Feiertagen sehr...

 

 

 

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