Der Aschermittwoch und die Fastenzeit

 

Der Aschermittwoch ist ebenso befreiend wie die Epiphanie. Mit ihm wird der Karneval, oder Fasching oder Fastnacht oder wie auch immer  ihr die närrische Saison nennen wollt, beendet. Die Tage und Wochen vor Aschermittwoch bringen das Kostümfest seinem gebietsweise fast hysterischen Höhepunkt entgegen.

 

Kein europäisches Land ist so vernarrt in den Karneval wie Deutschland. Kaum ein Ort, egal wie klein er auch sein mag, organisiert nicht einen „Kappenabend“. Die einzelnen Auftritte von lokalen Komikern sind oft schon für die Einwohner des Nachbarortes unverständlich. Denn, es werden vor allem die örtlichen Begebenheiten und Persönlichkeiten in ihren Darbietungen erwähnt. Genau wie bei den Kirchweihen, die sich die Sommer- und Herbstsaison teilen. Eine Art Vorspeise für den Karneval. Letztes Jahr wurde ich von entfernten Verwandten in die Falle gelockt. Es ist ein sehr langweiliger Nachmittag für mich gewesen. Ich verstand weder den örtlichen Dialekt, noch kannte ich die Ereignisse des Dorfes, deren Besonderheiten und Protagonisten in der „Kirchweihpredigt“ erwähnt wurden. Nicht anders geht es im ländlichen Karneval zu. Nur in den sogenannten „Hochburgen“ der großen Städte werden die Themen auf die nationale Tagespolitik fokussiert. Nur wenige Kabarettisten haben Erbarmen mit den Zuschauern und holen sich ihre Pointen aus der Psyche der Menschen, aus der Natur des Zeitgeistes. Aber das tun die Comedians das ganze Jahr über. Dazu benötigen sie keine Karnevalssaison.

 

Wo liegt der Sinn, wenn sich die Menschen oft und gerne in äußerst peinlichen Verkleidungen auf die Straße trauen? Es gibt wunderschöne Kostüme, es gibt ausgezeichnete Visagisten. Aber es gibt auch sehr fraglich improvisierte Maskeraden.

 

 

 

Der Aschermittwoch hat noch eine weitere, eigentlich viel tiefsinnigere Bedeutung. Dieser Tag wird als Beginn der christlichen Fastenzeit gerechnet. Sechs Wochen ohne – Fleisch? Zigaretten? Süßigkeiten? Alkohol? Das war einmal, wenn überhaupt. Das klingt in diesen Breiten sehr stark nach dem islamischen Ramadan. Die Christen haben ihre Fastenzeit selten ernst genommen. Deshalb kamen schon einige Päpste auf die clevere Idee, mal die Gedanken fasten zu lassen. Nichts Böses denken, keine Schimpfwörter aussprechen, auf Beleidigungen verzichten. Warum spüre ich ein müdes Lächeln auf meinen Lippen?

 

Heute geht es vor allem um virtuelles Fasten. Man soll weniger chatten, weniger im Internet surfen, weniger auf der Playstation spielen, und überhaupt weniger mit dem Handy telefonieren, simsen, Selfies knipsen.

 

Der Zeitgeist treibt sein Spielchen mit den Menschen. Er zwingt ihnen alle diese schönen technischen Neuheiten auf, lässt sie vieles zur Gewohnheit werden, manche werden sogar süchtig nach Handy und Web. Aber dann kommt der böse erhobene Zeigefinger und sagt:

 

Zu viel ist nicht gut für Körper und Seele!

 

Ein weises Wort.

 

Damit sind wir wieder bei dem exzessiven närrischen Treiben des Karnevals. Da werden die fetten Krapfen, Quarkbällchen und Eierringe gegessen. Da wird Alkohol in jeglicher Form und Mixtur getrunken bis das Gehirn aussetzt. Da wird gelacht und geschunkelt und vieles mehr. Am Ende müssen diese ausgelassenen Beteiligten doch müde und ausgelaugt sein. Da sollte ihnen eine Fastenzeit doch nur zu gute kommen.

 

Ich habe einige Jahre die Fastenzeit befolgt. Von Aschermittwoch bis Ostersonntag habe ich keine Süßigkeiten gegessen. Keine Schokolade, keine Marmelade, keine Kekse. Zucker nahm ich nur mit einer Tasse Espresso zu mir. Nach einigen Tagen bekam meine Zunge neue Sinneserlebnisse. Ich hatte oft einen bitteren Geschmack im Mund. Fruchtbonbons (natürlich nur ohne Zucker) vermieden den von mir gefürchteten unangenehmen Mundgeruch. Ich wurde dennoch nicht nervöser oder trauriger. Mein Berufsalltag litt nicht unter dem „Entzug“. Und denkt bitte nicht, dass ich davon schlanker geworden wäre! Ich habe während dieser sechs Wochen kein Gramm abgenommen! So viel zum Verzehr von Süßigkeiten. (Bewegung ist das Zauberwort! Dann könnt ihr alles essen!) Nur einmal bin ich in der Karwoche kollabiert. Noch bevor ich reagieren konnte bekam ich ein kleines Schokoladenei in den Mund gesteckt. Schließlich soll ja der Zucker die Geister beleben. Etwas Salziges hätte es auch getan. Aber das stand nicht zur Verfügung.

 

Das einzig positive an diesem Verzicht war die zeitweilige Einsicht über manches nachzudenken. Mitten im Alltag mal anhalten und sich Gedanken machen. Warum fühle ich mich jetzt so? Liegt es am Entzug von ...? Es liegt alles in unserem Kopf. Wir sollten öfters einmal von unseren Gehirnzellen Gebrauch machen. Besonders von denen, die unseren Verstand in Ordnung halten können. Mal ganz ehrlich: Dazu benötigen wir doch keine Fastenzeit. Aber wir können von ihr profitieren!

 

 

 

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