Palmsonntag und die Karwoche

 

 

Die Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag wird von vielen Christen „Karwoche“ genannt. Einige katholische Länder erheben sie sogar zur „heiligen Woche“. Wie auch immer, diese Tage sollten dem Fasten und der Meditation gewidmet sein. Aber, wer tut das heute noch?

 

Die kontinuierlichen Verbindungen der verschiedensten Ethiken aus allen Ländern haben auch die Religionen erreicht. Irgendwann stellt man fest, dass Gott immer der gleiche ist. Nur seine Namen ändern sich. Die Regeln des Glaubens sind ursprünglich individuelle Richtlinien für die frommen Menschen gewesen. Je nach Ursprung und Mentalität wurde dies verboten und das vorgeschrieben. Das tat gut und wirkte auch. Durch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte vermischten sich die Völker und ihre Religionen. In der einen wüten Fanatiker. In der anderen regiert die Weisheit. Und bei manchen wird alles etwas gleichgültiger gesehen. Christen sind davon am häufigsten betroffen. Das sieht man vor allem in der Fastenzeit. Eigentlich ist sie von Aschermittwoch bis Ostersonntag angesetzt. Schnell reduzierte sie sich auf die Karwoche. Und auch in diesen wenigen Tagen wird kaum noch wirklich gefastet.

 

Ich kann mich an fromme Frauen erinnern, die mich als Kind faszinierten, weil sie am Karfreitag während des Gottesdienstes echte Tränen geweint hatten. Sie dankten damit einem Mann, der für sie extreme Schmerzen auf sich genommen hatte und daran gestorben ist.

 

Ich muss gestehen, dass ich heute auch keinen Gottesdienst mehr besuche. Aber es gibt sehr schöne Musik, die unsere Gefühle aus den verstecktesten Winkeln der Seele herausholt. Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach ist so ein Meisterstück. Sie erzählt auf wunderbare Weise die Leidensgeschichte Jesus. Sie lässt uns mitfühlen, mitleiden und ganz unbewusst nehmen wir Anteil an seinem Schicksal. Wenn die letzte Note verklungen ist, sinne ich immer noch über manches nach. Ich ziehe meine Schlüsse und schaue ganz tief in meine Seele. Die Musik ist der Katalysator gewesen. Verborgene Sünden werden bereut und vielleicht auch bereinigt. Es ist nie zu spät, Fehltritte zu erkennen und wenigstens versuchen, sie wieder gut zu machen. Eine Entschuldigung, eine Umarmung, eine nette Geste gegenüber den Menschen, die wir verletzt oder beleidigt haben, denen wir etwas schuldig sind kennt kein Verfalldatum.

 

Diese Gefühle und Emotionen kann man auch mit einem anderen Meisterwerk der klassischen Musik erleben. Die letzten sieben Worte Jesus am Kreuz von Joseph Haydn. Kaum jemand wird diese Zitate auswendig kennen. Deshalb ist es gut, sie lesen zu können, während die Musik uns in eine andere Welt versetzt. Auch hier sind wir bald in einer ganz anderen Sphäre. Zu jedem Ausspruch von Jesus kann man eigene Parallelen finden. Man muss nur ein wenig in sich gehen. In seiner Seele graben. Das tut zuweilen unheimlich gut. Der Geist fühlt sich befreit und freut sich über die Erlösung von manchem Unrat, dessen Inhalt er viel zu lange mit sich herumtragen musste.

 

Ostern ist inzwischen wie Weihnachten. Ein Fest des Konsums und des Verzehrs. Gefüllte Osternester und üppige Festmahle oder auch Reiseziele an diesen Tagen ist den Menschen wichtiger geworden als das ursprüngliche Motiv, weswegen diese Feiertage überhaupt entstanden sind. Ein bisschen Besinnung würde so manchem nicht schaden...

 

 

 

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