Ein Einblick in meine Familie

Verwandte kann man sich selten aussuchen. Jedes Familienmitglied hat seine eigenen Präferenzen und mischt die Mentalitäten und Charaktere mit mehr oder weniger angemessenen Neuzugängen auf. Meine Familie ist ein unglaubliches Multikulti geworden. Das wurde mir letzthin bei einer dieser notgedrungenen Familienzusammenkünfte bewusst. (Selten kann man sich einer Beerdigung entziehen.)

 

Sechs Erwachsene und ein einjähriger Junge fanden bequeme Sitze in dem großen Ford Expedition mit dem nahezu eleganten Innenraum. Auch das Gepäck hatte noch genügend Platz. Wir fuhren vom Flughafen zum Ort der Begegnung. Fünf Nationen waren hier vereint: Ein Norweger, drei Italiener, davon zwei mit serbischem Hintergrund, eine Rumänin, und ich bin Deutsche mit unvermeidlichem italienischen Einfluss (nach über dreißig Jahren Ehe mit einem Mailänder!). Der kleine Riccardo wird wohl eher zu einem Italiener werden mit serbisch-rumänischem Hintergrund. Wir sprachen alle vorwiegend Italienisch und nur wenig Englisch.

 

Ich sah mich in dem großen SUV um. Hier war der internationalste Teil meiner Familie vereint. Der Stammbaum von meinem Mann ist makellos italienisch. Mein Lebensbaum ist durchgehend von Deutschen geprägt. Und doch können auch wir nicht der Globalisierung entrinnen. Neben den serbischen Verwandten (von denen einer eine Rumänin geheiratet hat) kamen Norweger hinzu, seitens unseres Schwiegersohnes, wobei seine Mutter eine gebürtige Holländerin ist. Damit ich keinen vergesse: die Tochter von einer meiner deutschen Cousinen hat sich aus einem längeren Australienaufenthalt ihren Verlobten aus Estland mitgebracht!

 

Warum einfach, wenn es kompliziert noch interessanter wird!

 

Jede Patchwork-Familie hat ihre eigene Geschichte. Meine sprengt nun mal alle Grenzen von Nord nach Südosten, quer durch Europa. Es gibt bei uns nicht einmal eine gemeinsame Sprache! Wobei die inneren Regionen der Länder auch noch dazu beitragen können, die Mentalitäten gründlich durchzumischen. Es ist lange her, dass man die Herkunft eines Menschen an seinem Namen oder seiner Natur erkennen konnte. Typisch Deutsch. Typisch Italienisch. Mit diesen Klischees kann man keine Vorurteile mehr erstellen.

 

Bei stetigem „ausländischem“ Zuwachs in der Familie, sowie auch im Freundeskreis lernt man schnell, dass es mehr auf den Charakter eines Menschen als auf seine herkömmliche Natur ankommt. Bei meinem persönlichen Multikulti habe ich mich nicht auf meine eigene Familie beschränkt, in der es schon sehr international zugeht. Nein, ich habe sehr gute Freundinnen in Russland und Freunde in Indien und Pakistan. Ohne Probleme fand ich sehr gute Ärzte: in Italien, die aus Bolivien kamen, und in Deutschland, die aus Abu Dhabi hierher gekommen sind. Bei Friseurinnen wird es noch globaler. In Mailand habe ich sehr gute Erfahrungen mit Chinesen gemacht. In München kommt meine Stammfriseurin aus Bosnien und den besten Schnitt bekam ich von einer Afghanin, die jetzt leider nach Bremen gezogen ist. Bis nach Frankfurt bin ich ihr schon „nachgefahren“.

 

Im Grunde geht es in dieser Welt nicht mehr darum, woher ich komme, sondern was ich kann und wo ich mich am besten zurechtfinde und mit wem ich mich am wohlsten fühle.

 

 Übrigens, die beiden Cousins da oben sind gerade mal zwei Monate auseinander. Riccardo hat einen serbisch-italienischen Vater und eine rumänische Mutter. Charlotte hat einen norvegisch-holländischen Vater und eine serbisch-italienische Mutter...

 

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