Norwegen - Eindrücke und Vorurteile

Rechts und links von der engen und kurvigen Straße begleiteten uns Seen und Fjorde. Selten konnten wir einen Blick auf das offene Meer werfen. Ich wusste, dass wir von Westen nach Osten fuhren und demzufolge das Meer auf meiner rechten Seite liegen musste. Dennoch hatte ich bald das Gefühl, die Orientierung zu verlieren. Immer wieder wunderte ich mich über die vielen Steine in den Wiesen und manchmal ragten sie sogar aus dem Wasser. Mit der Erklärung, dass es sich dabei um Jahrtausende alte Gletscher handelte, begannen meine Überraschungen in Norwegen. Es war meine erste Reise in dieses Land.

 

Ende April präsentierten sich die Landstriche noch sehr kahl. Kein Grün, keine Blumen, keine Blätter auf den Bäumen und ein eisiger Wind, der dem Frühling keine Chance gab. An einem Abend hat es sogar einmal heftig geschneit. Zwar blieb der Schnee nicht liegen, aber selbst unsere norwegischen Gastgeber sind überrascht gewesen.

 

Die Fahrt vom Flughafen in Stavanger bis nach Farsund an der norwegischen Riviera wollte nicht enden. Wenn man bedenkt, dass die Höchstgeschwindigkeit auf den Straßen 80 km/h beträgt und es zwischendurch immer wieder Strecken mit Begrenzungen von 40 bis 60 km/h gibt, dann können 150 km ganz schön lange werden.

 

Hinter den hohen Dünen, die mich sehr an Sylt erinnerten, versteckte sich ein überraschend feiner Sandstrand. Er erstreckt sich über 30 km lang. Ist aber leider nur für acht bis zehn Wochen im Jahr zu nutzen. Von Ende Juni bis Mitte August kann es auch hier mal richtig warm werden. Ich glaube unserem norwegischen Schwiegersohn aufs Wort. Und versuche weiterhin, dem kalten Wind standzuhalten, und den verregneten Nachmittag trotzdem zu einer Autofahrt in die nächste Umgebung zu nutzen.

 

Hier unten an der Küste sind die Häuser nicht so bunt wie ich es immer auf den touristischen Hochglanzbildern aus Bergen gesehen hatte. Ich traf überwiegend weiße oder hellblaue Häuser und Gebäude an. Die Naturliebe der Norweger führt so weit, dass sie unbekümmert ihr Ferienhaus auf die hochragenden Felsen setzen, die als kleine Inseln in den versteckten Buchten aus dem Wasser ragen. Aber, Heizung, Strom und ..., ja, wie wird das wohl mit der Kanalisation geregelt sein?

 

Ich hatte zwei große Ängste zu besiegen: die Sprache und das Essen. Nun, ich lernte sehr bald, dass die norwegische Sprache dieselben linguistischen Wurzeln hat wie die deutsche. Viele Wörter sind nicht nur im Klang sehr verwandt. Sie haben oft denselben Stamm. Ich bin überrascht gewesen, wie viel ich verstehen konnte. Das erste meiner Vorurteile war schnell aufgehoben.

 

Zweimal sind wir in Restaurants essen gewesen. Einmal unten am Hafen, das andere Mal hoch oben in einem Golf-Ressort. Jedes Mal sind wir die einzigen Gäste des Abends gewesen. Das hatte nichts mit der Saison zu tun. Die Norweger laden lieber zu sich nach Hause ein. Dort wird sogar das Brot noch gerne im eigenen Ofen gebacken. In allen privaten Häusern, die wir frequentieren konnten, gab es großzügige Esszimmer mit Tischen, die bequem bis zu zwölf Personen aufnehmen konnten. Keine Chance für Restaurants. Die Norweger schauen mit ihrer ruhigen, bedachtsamen Art zu, wie, insbesondere mutige Ausländer, neue Lokale eröffnen und spätestens innerhalb von ein bis zwei Jahren wieder schließen. In einem privaten Haus ist es gemütlicher und man verbringt den Abend mit Menschen, die man gerne um sich hat. Man weiß, was man isst und trinkt und mit wem. Kein Gastgeber scheut die Mühe der damit verbundenen Arbeit. Sie gehört dazu und macht Spaß. Das konnte ich auch im europäischen Süden kennen und schätzen lernen.

 

Und das Essen selbst ist auch eine sehr angenehme Überraschung gewesen. Herrliches Rindfleisch. Vorzüglichen Fisch. Nur das Obst kam mir etwas weniger süß vor. Doch, das mag daran liegen, dass die Südländer ihre besten Früchte gerne im eigenen Land essen. Eines  Abends erwarteten uns Berge von frischen Krabben auf dem Tisch. Am Abend gefangen und noch auf dem Fischerboot im salzigen Meerwasser abgekocht. Tags darauf verkauft und bei uns gleich auf den Tisch gebracht. Wir mussten sie nur noch schälen. Aber der Genuss von diesen kleinen, überaus feinen Shrimps hat mich gelehrt, in Zukunft die fertigen Gläser im Supermarktregal stehen zu lassen.

 

Mein nächster Besuch in Norwegen ist schon geplant.

 

 

 

 

 

 

 

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