Das Kind in der Frau

 

 

Wenn ich mit meiner jüngsten Enkelin endlose Spielchen wiederhole, dann bewege ich so gut wie jeden Muskel meines Körpers. Vor einiger Zeit hat sie meine Füße entdeckt. Sie legt mir gerne einen Ball, eines ihrer Plüschtiere oder irgendetwas, zwischen die Füße und ich soll es hochheben und mit einem mehr oder weniger kräftigen Stoß ihr entgegenwerfen. Meistens vollbringe ich diese kleinen Übungen im Sitzen.

 

Oder wir laufen zusammen. Da wird sie auch kaum müde. Ob Sand oder Asphalt oder Gras (das darf sogar noch taufeucht sein, stört sie überhaupt nicht!), nichts ist ihr unangenehm. Entschlossen und stolz steuert sie auf ihre Ziele zu. Nur gut, dass sie inzwischen nur noch eine meiner Hände dazu benötigt.

 

Wir unternehmen viel miteinander. Selbstverständlich stelle ich mich auf ihre einsilbige Sprache ein und beantworte auch gerne ihre aussagekräftigen Gesten. Es ist unglaublich, wie man sich auch ohne Grammatik und Vokabeln verständigen kann.

 

Da kommt bei mir das „Kind in der Frau“ zum Vorschein.

 

Überhaupt, warum kennen wir nur das „Kind im Mann“? Assoziiert ihr vielleicht nur ein Baby, das noch geboren werden soll mit dem „Kind in der Frau“? Ich habe auch ab und zu freie Gedanken, die gerne einmal davonfliegen wollen. Oder simple Spiele, die man keinem Erwachsenen mehr zumuten will. Dann besuche ich unsere 15 Monate alte Enkelin. Mit ihr kann man so herrlich herumtoben und unglaublich viel lernen. Oh ja, es geht auch anders herum. Sie kopiert mich gerne, aber sie bringt mir auch so manches bei!

 

Vor einiger Zeit hat sie das Laufen entdeckt. Sie möchte alles erkundigen. Ihre Neugierde lässt sie vor nichts zurückschrecken. Und Fragen kann ich sie auch stellen. Mit den Augen, mit ihren „Ohs“ und „Uhis“.  Damit wir uns gut verstehen verwende ich eine ausgesucht einfache Wortwahl, von der ich hoffe, dass sie bei dem kleinen Mädchen irgendwann hängen bleibt.

 

Das Eintauchen in diese Welt ist für uns ebenso aufregend und spannend wie für die Kleinen. Später, wenn wir mal wieder auf unserem Memory Lane spazieren gehen, leuchtet in unseren Augen ein wehmütiges Lächeln auf. Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen, aber wir können uns noch einmal mit ihr beschäftigen.

 

Peter Pan, es sagt schon der Name, ist ein Mann, und dieses männliche Wesen will ein Junge bleiben. Einer, der immer zu Späßen aufgelegt ist, kaum etwas für ernst nimmt, die Leichtigkeit der Jugend in sich trägt. Warum dürfen wir Frauen das nicht auch?

 

Müssen wir unbedingt immer als Spaßverderber auftreten? Ich bin selbstverständlich auch mit dem Wort „Nein“ ausgerüstet. Das kennt unsere Enkelin auch schon sehr gut. Aber sie darf auch mal ihre Grenzen überschreiten. Damit sie selbst mitbekommt, wie weit es geht. Ich lasse ihr viel Freiheit. Besonders bei ihren Spielchen bleibe ich auch nach dem zehnten Mal noch dabei. Es ist unglaublich wie viel Elan diese kleinen Wesen mit sich bringen. Deshalb nutze ich ihre Zeit und lasse mich von ihr führen. So bekomme ich einen Einblick in höchst interessante Welten. Jeden Tag staune ich erneut, wie intelligent sie vieles aufnimmt und annimmt.

 

Denn, wenn sie an ihrem Limit angekommen ist, dann wendet sie sich an mich:

 

In ihren Augen leuchtet das Wort „Hilfe“.

 

Ihr Lächeln umschreibt das Wort „Danke“. 

 

In meiner Seele versiegeln die Glückshormone diese schönen Momente für die kargen Tage, wenn man sich solche herzzerreißenden Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen kann.

 

Dann freue mich über „das Kind in mir“...

 

 

 

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