Mein Leben mit Valentino

 

 

Ich habe mein Leben in seinen Kleidern verbracht. 1981 habe ich meinen ersten Mantel gekauft. Weiß! Weich! Umschmeichelnd! Die clevere Verkäuferin sah sofort das Leuchten in meinen Augen. Ohne große Mühe verkaufte sie mir auch noch eine Abendbluse aus schwarzer Seidenspitze. Ein Traum! Ich ziehe sie heute noch an, wenn sich die Gelegenheit bietet, oder sie es erfordert. Du fühlst dich sofort unwiderstehlich feminin. Deshalb wollte ich sie auf dem Cover meines neuen Buches „Dein Spiel“ verewigen.

 

Nach diesem ersten Kauf folgten unzählige weitere. In den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts (wie schrecklich weit weg das sich anhört!) war es sehr leicht, Designerkleider wieder zu verkaufen, vor allem in einer Stadt wie Mailand. Mein Beruf forderte einen kontinuierlichen Wechsel in der Kleidung, wenigstens jährlich. Auch wenn ich schon immer eine klassisch-elegante Linie vorgezogen habe, konnte ich meine Kostüme und Kleider nicht bis zu ihrem Ende abtragen. Die Qualität von Valentino kannte sowieso kein Ende.

 

In diesen Jahren wurde noch mit hochwertigeren Stoffen gearbeitet. Die Schnitte schmeichelten fast jeder Figur. Ein eleganter Stil, der sich stets auf die Weiblichkeit seiner Trägerin konzentrierte und sie hervorhob. Mit einem Kleidungsstück von Valentino fühlte ich mich sicher, von morgens bis hin zum frühen Abend. Nur für die Oper oder besondere Anlässe zog ich mich noch um.

 

Leider macht die Unabdingbarkeit des Alterns vor Niemandem Halt. Früher oder später, werden auch die letzten Über-Achtzigjährigen, wie Giorgio Armani und Karl Lagerfeld, eine Lösung finden müssen. Valentino besaß eine natürliche Klasse. Sein ausgeprägter Sinn für Eleganz und Ästhetik verbaten es ihm, eine gewisse Linie zu überschreiten. Vor allem in der schnelllebigen Welt der Mode. Er wollte noch sein 40jähriges Firmenjubiläum feiern, bevor er die Maison an andere weitergab. Heute gehört sie einer reichen, arabischen Familie.

 

Eine gute Freundin von mir hatte ihre Karriere sehr früh bei den Schwestern Fontana in Rom begonnen. Damals war dies eines der berühmtesten Ateliers für Maßarbeit in Italien. Etwas später heiratete sie einen Antiquitätenhändler und pflegte ihr Talent nur noch für private Zwecke. Oft erzählte sie mir, ohne ihren berechtigten Stolz zu verstecken, ein kleines, aber umso netteres Erlebnis, das sehr typisch für die Persönlichkeit von Valentino ist:

 

Eines Tages wurde sie von ihrer Enkelin gebeten, ihr eine Jacke mit Pailletten zu besticken, wie sie eine bei Valentino gesehen hatte. Die geduldige und immer noch geschickte Großmutter erfüllte ihr gerne diesen Wunsch. Das Mädchen trug die Jacke zu einer Theaterpremiere in Rom. Der Zufall wollte, dass sich auch Valentino Garavani unter dem Publikum befand. Der große Designer (wobei man im Italienischen immer noch respektvoll von dem großen Schneider spricht, da er dieses Handwerk meisterhaft beherrscht, im Gegensatz zu den Designern von heute!), ja es war Valentino Garavani, der das junge Mädchen ansprach. Mit sehr leiser Stimme sagte er zu ihr: „Wer auch immer diese Jacke kopiert hat, die eigentlich von mir kreiert worden ist, besitzt eine außergewöhnliche Geschicklichkeit.“ Natürlich verriet die stolze Enkelin den Namen ihrer Großmutter. Valentino sendete ihr seine aufrichtigen Komplimente.

 

Genau dieser Lebensstil, immer elegant und zeitlos, hätte ihn dazu veranlassen sollen, in seinem wunderschönen Schloss in der Nähe von Paris zu bleiben und seine Stiftungen und seine Modeschule zu pflegen. Aber leider provoziert uns die Eitelkeit des Lebens, sie beharrt so lange bis wir uns im Netz der Pathetik verschlingen.

 

Ich bevorzuge, Valentino Garavani so in Erinnerung zu behalten, wie ich ihn kennengelernt habe und mit seinen wenigen Kleidungsstücken, die mir noch aus seiner Zeit erhalten sind und die immer ewig aktuell bleiben!

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0