Der Bücherbaum

 

 

Nein, keine Sorge! Die Bücher wachsen noch nicht auf den Bäumen. Sie sind immer noch die Frucht der harten Arbeit ihrer Autoren. Sie nähern sich ihrem Urheber mit einem kleinen Samen, das ist die Idee, aus der sich eine Geschichte ergeben kann. Durch fruchtbare Inspiration bekommt sie ihre erste Form. Das kann sehr schnell gehen. Manchmal können kleine Verzögerungen eintreten. Blockaden stoppen das Wachstum. Der Autor muss sehr viel Energie und liebevolle Kreativität einsetzen, damit seine Geschichte weiter wachsen kann. Wenn er bis zum Ende durchgekommen ist, dann erst beginnt die undankbarste Arbeit: das Korrigieren. Zuerst versucht er es selbst. Dann wird ein Lektor hinzugezogen. Dieser wiederum will noch einmal die letzten Reserven des Autors ausschöpfen und verlangt von ihm oft und gerne Bearbeitungen, wenn er nicht gerade mit seinem streichenden Rotstift Wörter und Sätze, ja ganze Passagen einfach so verabschiedet. Jeder Buchstabe schmerzt. Der Autor wendet sich und bittet, aber er wird selten erhört. Die Geschichte muss fließen, muss stimmen, muss ankommen.

 

Endlich ist sie druckreif. Der Autor atmet auf. Die Leser warten schon. In den glücklichsten Fällen. Sie verschlingen das Buch oder sie scrollen das E-Book. Bald haken sie die Geschichte ab und wenden sich der nächsten zu. In der heutigen Zeit wird ein Buch kaum noch einmal gelesen. Es wandert weiter. Sein Leser bringt ihn zu anderen Lesern. In der Kleinstadt, in der ich gerade wohne, gibt es dafür einen Bücherbaum. Dort kann man sich Bücher holen und natürlich Bücher bringen.

 

Das Konzept ist mittlerweile weit verbreitet. Vor vielen Jahren beteiligte ich mich am Bookcrossing. Das war noch interessanter, auch wenn das Grundprinzip nicht funktioniert hat. Wenigstens nicht lange. Es war schon etwas ungewöhnlich, ein Buch auf irgendeiner Bank, in einem Park, oder in einem Zug, oder am Flughafen einfach liegenzulassen. Damit es der Nächste zu sich nimmt und liest. Man sollte damals noch eine Email-Adresse eingeben, damit man über eine Homepage die Reise des Buches verfolgen konnte. Leider beteiligten sich nicht alle Leser daran.

 

Etwas lokaler sind die öffentlichen Bücherregale. Es gibt sie fast überall in den verschiedensten Lokalitäten. In einem Dorf der Umgebung habe ich Regale in einer Bushaltestelle gesehen, die demselben Zweck dienen. Bücher bringen, Bücher nehmen.

 

Mir gefällt die rotlackierte Vitrine am Baumstamm. Letzte Woche habe ich dort ein paar Klassiker aus dem 19. Jahrhundert hingebracht. Bücher, die ich gelesen hatte und von denen ich genau wusste, dass ich sie nie mehr öffnen würde. Und Bücher, die ich irgendwann einmal gekauft hatte, deren Zeit jedoch nie kommen wird. Wenigstens nicht bei mir. Da ich nichts davon halte, sie für wenige Cents bei rebuy zu verscherbeln oder sie dem Schnäppchen-Wahn auf dem Ebay-Altar zu opfern, finde ich es viel charmanter, sie zu verschenken.

 

Ich habe dort schon öfters Bücher hingebracht. Letzte Woche waren es Autoren wie Dostojewskij, Gogol, Hölderlin, Verlaine. Als ich gestern noch eine Tasche hinbrachte, staunte ich nicht schlecht. Alle meine schönen, gebundenen Klassiker waren schon weg. In den zwei kleinen Regalen standen nur noch die schmuddeligen Taschenbücher, die keinesfalls mehr einladend aussahen, von ihrem Inhalt einmal abgesehen, und einige Ratgeber, denen wohl auch niemand mehr folgen möchte.

 

Dieses Mal habe ich eine italienische Ausgabe von Paolo Coelho und einen englischen Klassiker dazugestellt, neben Stendhals „Rot und Schwarz“ und einige mehr. In den nächsten Tagen will ich wieder vorbeischauen und sehen, ob sich hier auch jemand findet, der gerne andere Sprachen liest und versteht.

 

 

 

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