Meine Eindrücke aus Norwegen

Ich liebe es, hin und wieder anzuhalten. Ich liebe die einsamen Stunden, in denen ich mich sammeln kann. Diese kostbaren Augenblicke, die dazu beitragen, meinen Kopf wieder frei zu bekommen. Das fühlt sich oft an wie eine Reset-Taste.

 

Wenn ich, ganz früh am Morgen, die Stille draußen spüre, die menschenleere Straße betrachte und auf mich wirken lasse, dann habe ich dabei gerne das Gefühl, als ob die Welt gerade eine Pause macht. Die Zeit läuft irgendwo, aber nicht in mir. Ich halte an.

 

In dieser beinahe geisterhaft fantastischen Lautlosigkeit kann ich Vergangenes wunderbar analysieren. Ohne störende Einflüsse von außen, im Einklang mit meiner inneren Ruhe finde ich Lösungen für aufgeschobene Probleme. Die Wörter kommen passender herüber. Deshalb schreibe ich auch bevorzugt in dieser nahezu übersinnlichen Stille. Weitab vom Lärm des Alltags.

 

Seit zwei Monaten lebe ich mit meinem Mann in Norwegen. Wir hatten uns vorgenommen, den Sommer in diesem Land zu verbringen. Dafür haben wir drei gute Gründe: Zum einen lebt hier unsere jüngste Enkelin im schönsten Kindesalter. Sie ist gerade mal zwei Jahre und drei Monate alt. Der zweite Grund ist auch nicht zu unterschätzen: hier im Norden ist es zumeist zehn Grad kühler als auf dem mittlerweile viel zu heißen Kontinent. Dass es dieses Jahr hier extrem kühl sein würde, verwundert selbst die Norweger. Aber Wind und Wetter und viel Regen hilft mir nur bei meinem dritten Motiv: ich möchte meinen neuen Roman fertigschreiben. Hier habe ich die nötige Ruhe dazu.

 

In diesem Land sind die Ansiedlungen ziemlich verstreut. Wir leben in einem kleinen Haus an einem, für norwegische Verhältnisse, relativ kleinen See. (Immerhin ist er gute zwei Kilometer lang.) Die Landstraße ist nur gegen Abend etwas stärker befahren. Das Grundstück ist ziemlich weiträumig und hält die Straße, sowie die nächsten Häuser auf angenehme Distanz. Vor uns liegt der See, auf dem nur gerudert wird, wenn nicht gerade ein Biber vorbeischwimmt. Hinter uns dämmt ein schmales Waldstück auf einer sanften Anhöhe die vom Meer kommenden Winde.

 

Ganz früh am Morgen, so gegen vier bis fünf Uhr, danach wird es zu hell, kommen zuweilen Rehe und junge Elche vom Wald herüber. Entweder durchqueren sie die große Wiese und gehen geradewegs hinunter zum See, oder sie machen einen Zwischenstopp auf unserer kleineren Wiese und fressen ein paar junge zarte Zweige von den kleinen Bäumchen, die eigentlich wachsen sollten und somit die Lust daran verlieren und schnell eingehen.

 

Einmal habe ich einem Reh in die Augen gesehen. Es ist keineswegs scheu. Der Blick war eine einzige Herausforderung: Ich weiß, dass ich über dein Grundstück laufe, aber das stört mich nicht.

 

So habe ich ihn lächelnd interpretiert. Ich blieb zunächst ruhig am Eingang stehen. Auch das Reh rührte sich nicht. Es starrte mich nur neugierig an. Schließlich ging ich doch auf mein Auto zu. Ohne das Reh auf der dichten großen Wiese aus den Augen zu lassen. Mittlerweile beobachtete es mich ganz ruhig. Kein sprunghaftes Weglaufen, nur ein neugieriger, beinahe trotziger Blick. Schließlich hatte es mich genug betrachtet und erkannt, dass ich keine Gefahr darstellen würde. Gemächlich zog es Richtung Wasser, ohne sich weiter um mich zu kümmern. Das Tier mag wohl gespürt haben, dass ich es respektiere. Ja, ich freute mich sogar über unsere „Begegnung“.

 

Neben der Landstraße gibt es eine kurze, aber bequeme, weil asphaltierte, Strecke zum Gehen und Radfahren. Dort gehe ich gerne spazieren. Gen Westen steigt der Gehweg sanft hinauf zu einem kleinen Ort. Die Autostraßen werden immer enger bis sie schließlich auch auf Asphalt verzichten und nur noch Schrotterkies als Belag genügen muss. Meinem Auto hatte diese Straße nicht gefallen, als wir sie einmal fahren wollten. Ich umkreiste zwar den großen Fjord, aber mein rechter Vorderreifen hatte sich „geschnitten“ und musste repariert werden. Gen Osten führt der Gehweg am Wald entlang bis hinunter zum Fjord. Diese Spaziergänge weite ich gerne aus. Sie sind für mich die angenehme Balance, wenn ich ein paar Stunden geschrieben habe.

 

Draußen bleibt es grau in grau und entsprechend kühl. Auch heute wird es wohl wieder regnen. Nur die angenehme Stille füllt mein Herz mit heiterer Zufriedenheit.