Sind wir wirklich noch das Volk?

 

Sonntagnachmittag habe ich an einer etwas anderen Vernissage teilgenommen. Die Location war schon sehenswert an sich. Einfallsreiche Architekten konnten den Charme des alten Fachwerks mit neuen Glasimpressionen wunderbar vereinen. Es gab nicht, wie so oft, einen Stehempfang inmitten der Ausstellung. Die geladenen Gäste saßen auf gemütlichen Stühlen mit weichen Kissen, versorgt mit edlem Müller-Thurgau aus dem Bocksbeutel und leckerem Kürbiskerngebäck. Vor ihnen eine Leinwand, auf der Videos mit Interviews abgespielt wurden, die leider etwas einseitig gestaltet waren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es auch andere Antworten zu den provokanten Fragen des Moderators gegeben hat.

 

Wie dem auch sei, das Thema der Ausstellung lautete

 

Wir sind das Volk

 

Die Georg-von Vollmar-Akademie hatte den Münchner Fotografen Stefan Loeber beauftragt, bekannte Persönlichkeiten und unbekannte Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zu fotografieren und   spannende Fragen zu diesem Thema zu stellen.

 

Zwischen den Videos wollten die Organisatoren eine kleine Diskussion unter den Gästen anregen. Leider blieb diese sehr zäh bis still. Ich habe auch nicht nach dem Mikrofon gegriffen, weil mein Beitrag sich zu stark gedehnt hätte.

Bevorzugt schreibe ich mir lieber die Gedanken von der Seele...

 

 Ehrlich gesagt hatte mir dieser Satz Wir sind das Volk schon auf der Einladung Gänsehaut provoziert. Wir sind das Volk. Als diese Worte in Deutschland geprägt wurden, lebte ich im Ausland. Den Mauerfall habe ich deshalb nicht hautnah erlebt, sondern nur darüber gelesen, im Fernsehen gesehen und aus Erzählungen gehört. Aber ich sah bald die Konsequenzen. Es ging damals nicht nur um den deutschen Mauerfall, es ging um den gesamten Eisernen Vorhang zwischen Ost und West.

 

Diese Ausstellung hat das Motto von damals übernehmen wollen. Wir sind das Volk sollte das aktuelle Flüchtlingsproblem ansprechen. Wie die Menschen in Deutschland damit umgehen. Warum plötzlich so viele Wähler rechtsradikalen Parteien ihre Stimme geben. Wieder! Und schon bekomme ich erneut Gänsehaut. Weil alles so verdreht wird und so vieles keinen Platz in der Erinnerung bekommt.

 

Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Mauerfall gab es auch Historie in Deutschland. Sehr wichtige Seiten der deutschen Geschichte wurden geschrieben. Zwar beherrschten amerikanische und französische Soldaten den Alltag in der damaligen BRD, infolgedessen „das deutsche Volk“ keinen Krieg mehr beginnen konnte. Jedoch wurde in dieser Zeit auch das Wirtschaftswachstum gefeiert. Ein neues Bewusstsein ging durch das Land: wir haben es geschafft! Wirklich?

 

Es gab einen so dringenden Bedarf an Arbeitern und Handwerkern, dass die deutsche Regierung bald keinen anderen Ausweg mehr fand als GASTARBEITER ins Land zu holen! Südeuropa war die geeignetste Zielgruppe dafür. Es kamen sehr viele Slawen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechen, Italiener und Spanier. Aber der größte Teil kam aus der Türkei.

 

Diese Ausländer wurden explizit eingeladen, hier zu arbeiten, zu leben und gutes Geld zu verdienen. Keiner hatte sie jedoch zur Integration gezwungen. In Köln steht die größte Moschee Europas! Nicht für die syrischen Flüchtlinge erbaut, sondern für die türkischen Gastarbeiter! Bald gab es einen türkischen Fernsehsender, türkische Tageszeitungen. Die türkische „Minderheit“ wurde stark und blieb ihrer Tradition treu. In der zweiten und dritten Generation sprechen sie überwiegend akzentfrei Deutsch, haben die deutsche Staatsangehörigkeit, singen aber nicht die deutsche Nationalhymne. Wenn es darauf ankommt, gehen viele von ihnen noch immer für den türkischen Präsidenten auf die Straße.

 

Soweit die Türken. Griechen, Italiener und Spanier haben eine völlig andere Mentalität und so manche integrieren sich lieber. Viele von ihnen kamen als Gastarbeiter und gingen als Rentner wieder zurück in ihre Heimat. Andere sind geblieben, haben sich selbstständig gemacht, eine Familie gegründet und würden um keinen Preis mehr in ihr Heimatland zurückkehren.

 

Damals dringend erwünschte Gastarbeiter, heute verschmähte „Wirtschaftsflüchtlinge“. Herr Seehofer spricht gerne von den „Wirtschaftsflüchtlingen“ aus dem Balkan, insbesondere Bulgaren und Rumänen. Dabei vergisst er wohl, dass schon seit über zwanzig Jahren „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus dem Osten Europas und der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen und geblieben sind. Er sollte mal auf die Äcker und Weinberge und sehen, wer sich den Rücken kaputt macht beim Ernten und Lesen.

 

Deshalb verstehe ich heute diese oft unschöne, bis ins Gehässige gehende Diskussion um Flüchtlinge überhaupt nicht. Es hat sie immer gegeben. Man ändert nur ihre Bezeichnungen. Bei dieser jüngsten Flüchtlingswelle werden sie nur noch als „Asylbewerber“ benannt. Im Grunde suchen sie nichts anderes als alle anderen, die Ende des letzten Jahrhunderts aus den östlichen und südöstlichen Nachbarländern strömten und mit denselben Problemen zu kämpfen hatten.

 

Eines möchte ich noch hinzufügen, weil es mir besonders am Herzen liegt: Deutschland war und ist nicht das einzige Land, das in den letzten dreißig (!) Jahren Flüchtlinge aufgenommen hat! Das würde ich am liebsten immer sehr laut anbringen bei diesen hirnverbrannten, einseitigen und völlig unangebrachten Flüchtlingsdiskussionen der heutigen Tage.

 

 In Italien zählt keiner mehr die Menschen, die beinahe täglich aus dem Wasser gefischt werden. Die Leichen bekommen eine Bestattung! Für die Lebendenden sucht man eine Lösung. Einfach ist es für niemanden!

 

Schwarzafrikaner arbeiten in den Fabriken Norditaliens schon seit über dreißig Jahren. Ich persönlich hatte in den Achtziger Jahren Männern aus Ägypten und der Elfenbeinküste Arbeit gegeben. In den Neunzigern waren es dann Marokkaner. Alles sehr gute Leute! Ich hatte nie ein Problem mit ihnen, sondern fand ihre Arbeitsmoral bewundernswert und oft ehrgeiziger als die eines Europäers.

 

Mit ihnen konnte ich auch meinen Horizont erweitern. Sobald es eine gemeinsame Sprache zuließ, unterhielten wir uns selbstverständlich über die verschiedenen Kulturen. Erst nach Monaten fand ich heraus, dass z.B. der ägyptische Handlanger eigentlich Elektroingenieur studiert hatte. Diese Erfahrungen prägen und lassen Vorurteile gar nicht erst aufkommen.

 

Vor einigen Jahren, als ich wieder nach Deutschland gekommen bin, habe ich ein Jahr lang in München gearbeitet. Meine Kollegen kamen aus der Ukraine, aus Kasachstan und aus Kolumbien. Die Managerin war eine Düsseldorferin. Nur eine Angestellte war eine gebürtige Münchnerin. Wir waren ein tolles Team, wir hatten eine gemeinsame Sprache.

 

Das ist die Grundlage für eine gute Zusammenarbeit und ein gemeinsames, harmonisches Leben. Nur, wenn wir uns verstehen, können wir uns auch (weiter)bilden. Deshalb helfe ich in einer lokalen Schule ausländischen Jugendlichen, die deutsche Sprache schneller zu erlernen. Es schreit zum Himmel, dass sie sofort in die Schule sollen, auch wenn sie noch nicht einmal die Sprache annähernd beherrschen! Wie soll das gehen? Gerade Kinder und Jugendliche sind sehr lernbegierig und kommen schneller voran als Erwachsene, aber, um Himmelswillen, gebt ihnen doch erst einmal die Zeit, sich wenigstens eine Basis zuzulegen. Ich hatte Schüler aus den verschiedensten Ländern bisher: Afghanistan, Albanien, Griechenland, Italien, Polen, Rumänien, Russland. Die meisten von ihnen waren unglaublich lernbegierig, obwohl die deutsche Sprache keineswegs einfach zu lernen ist. Viele möchten sich weiterbilden, studieren, einen guten Beruf erlernen. Es ist eine Freude für mich, diesen Enthusiasmus unterstützen zu können.

 

Ich bin für den Individualismus. Es gibt schon lange keine Völker mehr. Die Globalisierung hat uns schneller eingeholt, als wir es bemerkt haben.  Mein Horizont will weit bleiben und sich nicht einengen lassen. Von keiner Partei und von keinem Dogma. Meine Freiheit ist für mich, dort eine Heimat zu finden, wo Menschen mich respektieren und schätzen. Dieser Ort muss nicht unbedingt mit dem Geburtsort übereinstimmen.

 

 

 

 

 

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