Erinnerungen im Regen

Foto: Antonella Bonora, Mailand
Foto: Antonella Bonora, Mailand

 

Warum regnet es in Deutschland so viel?

 

Dachte ich damals, als ich noch in Italien lebte und nur tageweise hierher fuhr. Natürlich war es warm und sonnig als ich aus Mailand abgefahren bin. Aber auch in München war der Himmel weiß-blau und die Sonne versuchte, ihr Bestes zu geben.

 

Das war gestern. Heute stehe ich in der Brienner Straße. Mein Auto parkt in der Residenzgarage und der Himmel hat beschlossen, sich sintflutartig ergeben müssen.

 

Entsetzt stehe ich unter dem schmalen Dachrand einer Luxusboutique. Viel Schutz bietet di schmale Leiste am oberen Ende des Gebäudes nicht. Es wird zunehmend feuchter und kühler. Die Luft füllt sich mit dem herunterprasselnden Wasser. Es wird immer ungemütlicher.

 

Mein Blick beginnt zu schweifen. Antiquitäten, feines Porzellan, ausgesuchte Gemälde, Designermode – aber weit und breit kein Regenschirm. Solch ein wichtiges Accessoire sollte man einfach nicht unterschätzen.

 

Mein Kopf beginnt zu arbeiten. Wo bekomme ich hier einen Regenschirm, ohne dass ich noch nässer werde? Links von mir geht es in den Palmengarten (heute bekannt als Luitpoldblock). Dort könnte es wenigstens wärmer sein. Ich ziehe den Kopf tief in die Schultern und renne auf die Eingangstür zu, damit dieser ungnädige Wolkenbruch nicht noch mehr von meinen hübschen Schuhen kaputt macht.

 

Schon im Eingangsbereich ist die Luft um gefühlte zehn Grad wärmer. Langsam bringe ich meinen Körper wieder in eine elegante vertikale Haltung. Ich konzentriere mich auf jedes Schaufenster. Kosmetik, Schmuck, Platin. Am Ende des Durchgangs sehe ich schon wieder die herunterstürzenden Wassermassen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wie komme ich zu meinem Auto?

 

Letzter Laden vor der Ausgangstür. Es werden Dirndl und Kleidung im Landhausstil angeboten. Da muss es auch Regenschirme geben. Natürlich! Stilsicher suche ich ein klassisches Modell aus, das auch später zu meiner Garderobe passen wird. An der Kasse schlucke ich meine Überraschung hinunter, zücke eine Kreditkarte und lasse sie an meiner Stelle glühen. Der hohe Preis ist zerknirschend, aber es ist mir voll bewusst, wo ich mich befinde.

 

Also beschwere dich nicht, sondern lass dich das nächste Mal in der Kaufingerstraße von einem überraschenden Wolkenbruch heimsuchen.

 

Und wie es so ist, zwischen mir und einem Regenschirm: Betrete ich ein Lokal mit ihm, stelle ich das nützliche Accessoire höflich in dem dafür vorgesehenen Ständer an der Garderobe ab. Verlasse ich das Lokal wieder und es regnet nicht mehr, dann kann er so viel gekostet haben wie er will, er hat keine Chance bei mir, ich vergesse ihn bestimmt!