Warum ich so gerne lese

Foto: Jungho Lee
Foto: Jungho Lee

 

 

 

Lesen ist für mich eine der wichtigsten Konstanten in meinem Leben.

 

Mein Großvater hatte mir das Lesen beigebracht, noch bevor ich in die Schule gekommen bin. Ich hatte den armen Mann zu sehr genervt mit meinem ständigen Bitten und Betteln, immer wieder dieselben Märchen der Gebrüder Grimm vorzulesen. Irgendwann war es ihm dann doch zu viel geworden. Mit einer Engelsgeduld führte er mich in die Welt der Buchstaben ein.

 

Ich bin meinem Großvater ewig dankbar!

 

Viele lesen, damit sie die Welt um sich herum vergessen, oder gar ignorieren können. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich gehe bewusst auf eine Entdeckungsreise. Ich freue mich auf alles Neue, das ich kennenlernen und erforschen werde. Mein Gehirn wird zu einem Schwamm, der zunächst einmal alles aufsaugt, was ihm vorgesetzt wird, um es später nach seinen Vorlieben zu filtern und nach Anwendungsgebieten zu ordnen.

 

Wenn ich ein Buch öffne, dann tauche ich gerne in eine völlig andere Welt ein. Ein besonderes Vergnügen bereitet mir stets, abzuheben und mich auf eine Zeitreise zu begeben. Auf diesen Ausflügen in eine andere Epoche lernt man unglaublich viel und entdeckt stets neue Mentalitäten, Konventionen, Brauchtümer und, vor allem, unterschiedliche Philosophien. Aber ich staune auch oft, wie aktuell manche Schriften sind, die eigentlich der fernsten Vergangenheit angehören. Das sind für mich immer die reizvollsten Entdeckungen gewesen. Wir leben im 21. Jh. der abendländischen Zeitrechnung. Dennoch begegne ich oft nur zu gut Bekanntem. Letztendlich wurden schon viel früher dieselben Empfindungen gelebt, die gleichen Worte gesagt. Das überrascht mich andauernd.

 

Es ist nicht immer leicht für mich, ein Buch zu unterbrechen, es quasi beiseite legen zu müssen. Wenn ich gezwungen werde, in die alltägliche Realität zurückzukehren, und auf die nächste Gelegenheit warten muss, bis ich es wieder öffnen kann, spüre ich zuweilen physische Schmerzen. Es zwickt im Magen und juckt in den Fingern. Bis ich endlich das Buch wieder aufschlagen kann. Sofort klickt es in meinem Kopf und ich weiß genau, wo ich es abgebrochen hatte. Schnell nehme ich den Faden erneut auf, lese weiter, bin bald wieder eingetaucht in der Thematik oder der Geschichte. Meine Emotionen lassen sich nicht mehr ablenken. Sie wollen weiter empfinden, dabei bleiben, bis zum letzten Wort. Egal, wie es sein wird, die aufgewühlten Gemütsbewegungen wollen ausgelebt werden.

 

Starke Emotionen empfinde ich nicht nur bei entsprechenden Romanen. Auch Sachbücher können mich beeindrucken, enthusiasmieren und schließlich beglücken, weil sich mein Wissen abermals bereichert hat.

 

Während ich etwas lese, ob es sich dabei nun um ein Buch, um eine Zeitschrift oder einen Artikel online handelt spielt kaum eine Rolle, kann ich mich so intensiv mit der Thematik vereinbaren, dass ich zuweilen ganz eigenartige Emotionen erlebe. Letzteres liegt natürlich am Autor.

 

Mein beeindruckendstes Erlebnis hatte ich bei der Lektüre von 1984, das wohl bekannteste Buch von George Orwell. Er schrieb es im Jahr 1948. Damals war die Zeitangabe im Titel eine weit entfernte Zukunft. Jedoch keine Science-Fiction-Fantasy, wie es heute genannt werden würde. Orwell nahm „nur“ seine Gegenwart unter die Lupe, weitete sie entsprechend aus und verpasste ihr ein paar technische Raffinessen, die damals noch nicht aktuell waren. (Heute sind sie beinahe schon alle vorhanden.) Ich hatte das Buch so um das Jahr 1984 gelesen. Orwells betörender Schreibstil drang tief in meinen Kopf. Ich werde es nie vergessen. Es war ein warmer Sommernachmittag und ich saß auf der schattigen Terrasse einer Ferienwohnung am Meer. Irgendwann konnte ich nicht mehr widerstehen. Ich musste tatsächlich die Lektüre unterbrechen und mich duschen, so dreckig fühlte ich mich nach Orwells Beschreibung der Lebensbedingungen in seiner fiktiven Zukunftswelt.

 

Wie dem auch sei, ich lese so gut wie alles, was mir vor die Augen kommt, oft auch unbewusst. Deshalb nerven mich zu viele Werbeplakate oder Straßenschilder. Ich komme nicht an ihnen vorbei, ohne sie zu lesen. Einerseits ganz nützlich, jedoch oft auch ziemlich ermüdend. Ich lasse einfach zu viele Informationen auf mich ein und muss kräftig filtern.

 

Doch alles, was in meinen unzähligen mentalen Schubladen Platz findet, bereichert nicht nur mein Wissen, sondern prägt auch meine Erkenntnisse. Das ist für mich der größte Schatz, den wir horten können. So, wie ich Bücher sammle, seit ich lesen kann.

 

Und, je mehr ich lese, desto mehr möchte ich lesen...

 

 

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