Eine Runde Ethik-Stammtisch

 

Ein Artikel in der Lokalzeitung hatte mich auf einen Ethik-Stammtisch aufmerksam gemacht. Das Thema des bevorstehenden Treffens behandelte die Ethik der Führungskräfte. Daraus konnte ein anregender Abend entstehen. Flugs meldete ich mich an.

 

Ein Stammtisch klang zwar etwas zünftig, aber die „Ethik“ veredelte doch jedes bestehende Vorurteil. Die Adresse war leicht zu finden. Der Raum, in dem das Treffen stattfand, versteckte sich in einem Neubau, dessen Beschilderung noch einige Verbesserungen erhalten sollte. Wie dem auch sei, ich schaffte es, pünktlich an mein Ziel zu kommen.

 

Ich betrat einen großen Konferenzraum. Fünfundzwanzig Stühle waren im Kreis aufgestellt. Ein Stammtisch ohne Tisch. Innerlich lächelte ich meine mentale Hürde weg. Die Begrüßung durch die beiden Organisatoren war freundlich, einladend und ließ sofort eine harmonische Sympathie überspringen.

 

Die Teilnehmer kamen langsam dazu. Eine hochgewachsene Frau mit einer undefinierbaren aschgrauen Blondfarbe im Haar fiel mir sofort durch ihre eigentlich abweisende Haltung auf. Später, als ich ihren Namen hörte, erinnerte ich mich sofort an einige Zeitungsartikel, die ich von ihr gelesen hatte. Und wieder wurde ich in meinem Credo bestätigt:

 

Lerne nie einen Autor näher kennen, dessen Werke du gerne liest. 

 

Damit sich das Stimmengewirr beruhigen konnte, erklang aus einem Smartphone eine leicht esoterische Melodie. Sie bewirkte ihre Absicht und war ein guter Vorbote des Abends, auch wenn man das zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte erahnen können: ihre Töne erklangen einen Tick zu lange.

 

Die Initiatorin des Abends begann ihre Moderation. Daraus entstand eine Diskussion, die nicht unbedingt der Definition dieses Begriffes entsprach. Die Atmosphäre blieb beinahe aseptisch. Nur zäh kamen Wortmeldungen. Dennoch fand ich selbst nicht die Gelegenheit, mich zu melden. Irgendwie plätscherten die Beiträge etwas holperig dahin. Dabei tauschten sich nur die Worte aus, der Sinn ähnelte sich. Es gab keinen Widerspruch, keine Lacheffekte. Ich fühlte mich bald distanziert, fremd, weil sehr oft anderer Meinung.

 

Für mich sollte eine gute Führungskraft nicht „Menschen mögen“ (O-Ton eines Teilnehmers), sondern Menschen erkennen. Eine gute Menschenkenntnis ist ebenso fundamental wie die Empathie gegenüber Mitarbeitern. Das ist für mich die Ethik der Führung. Und die beginnt schon bei der Auswahl des Personals. Da ich jedoch durch die Vorstellungen erkennen konnte, dass gut zwei Drittel der Teilnehmer studiert hatten, wollte ich nicht auf diesen Nerv drücken. Und doch habe ich in meiner Erfahrung erleben können, dass Zeugnisse nie und nimmer ausschlaggebend sein dürfen. Aber leider wird diese Art von Dokumentationen in Deutschland viel zu ernst genommen, wenn nicht explizit verlangt.

 

Ich hatte mir vorgestellt, mit meiner vielfältigen Lebenserfahrung in drei europäischen Ländern etwas beitragen zu können. Doch die Stereotypisierung, die sich in diesem keineswegs harmonischen Kreis entwickelte, war einfach nicht mein Ding. Ich bin neugierig. Ich kenne keine Berührungsängste. Aber ich gehe heute vorsichtiger auf die Menschen zu. Das habe ich von meiner früheren Spontaneität gelernt.

 

Am Ende fühlte ich mich wie ein Exot unter Gleichgesinnten. Nur die Ausstrahlung der Gastgeber war bei mir voll angekommen.

 

 

https://www.marinazimmermann.de/2018/04/11/eine-runde-ethik-stammtisch/

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