Meine erste Lesung

 

Vorlesen tue ich jeden Tag. Ich lese meinem Mann italienische Zeitungsartikel vor oder übersetze interessante deutsche Nachrichten. Dabei ist natürlich auch eine gewisse Betonung nötig. Aber ein Buch mit Dialogen vorzutragen, damit hatte ich mich noch nicht beschäftigt.

 

Also übte ich fleißig die von mir ausgewählten Seiten. Sie waren gefüllt von Empathie und mitreißenden Emotionen. Wird dieser Teil des Buches, einfach so aus dem Kontext herausgerissen ankommen? Und überhaupt, es war die vorletzte Lesung an diesem langen Messetag in einem gemütlichen Ort etwas nördlich von Frankfurt.

 

Natürlich hatte ich mich zuvor schon ein wenig zu den vorhergehenden Lesungen gesetzt. Dabei wurde ich überrascht bis schockiert, sodass ich mein Lampenfieber sehr schnell sank. Einfach meinen Stil authentisch vortragen und damit überzeugen oder durchfallen. Das wurde mir sehr schnell bewusst.

 

Ich war schon etwas überrascht, als ich mit meiner Verlagskollegin vor der Tür des Leseraums stand und auf unseren Termin wartete. Um uns herum warteten viel mehr Männer als Frauen! Ein Zuhörer fiel mir sofort auf. Ich hatte ihn vor gut eineinhalb Stunden an unserem Messestand beobachtet wie er meine Bücher fast quer gelesen hatte. Danach tauchte er immer wieder einmal auf und lief eine weitere Runde durch den kleinen Saal mit den übersichtlichen Messeständen. Nur, damit er jetzt bei meiner ersten Lesung dabei sein kann! WOW! Das fand ich schon mal mehr als interessiert.

 

Während ich noch über ihn nachdachte war es endlich so weit. Die Tür öffnete sich. Mein Verleger stellte mich sehr kurz vor und schon musste ich mir meine Worte zusammenreimen. Warum hatte ich auch frei sprechen wollen. Hätte ich mir nicht einen Text zusammenschreiben können? Schließlich kann ich besser schreiben als reden.

 

Wie dem auch sei, nach einer kurzen Begrüßung, an deren Worte ich mich nun überhaupt nicht mehr erinnern kann (!) versuchte ich eine kurze Zusammenfassung meines Romans. Die ersten beiden Sätze gefielen mir noch. Aber der Saal blieb etwas unruhig. Jedenfalls empfand ich es so. Mein Kopf wurde heiß und meine Stimme überschlug sich leicht. Die Wörter purzelten auf einmal durcheinander. Mein Rettungsring war die Ausrede, dass ich nicht zu viel erzählen wollte, damit es spannend blieb.

 

Und damit begann ich vorzulesen. Sofort beruhigte sich meine Stimme. Die wohlbekannten und von mir sehr geliebten Sätze fingen mich ein. Plötzlich war es mucksmäuschenstill im Saal. Ein angenehmes Gefühl. Ich kuschelte mich in die Seiten meines Buches, nahm die Emotionen mit und freute mich über die lauschende Stille. Beinahe hätte ich weiter gelesen. Jedoch wurde meine anhaltende Pause mit einem spontanen Applaus belohnt, über den ich mich sehr gefreut habe.