Wenn Sätze aus dem Kontext herausgerissen werden...

 

Diese Spielchen verfolge ich gerne auf Facebook. Eigentlich ist es mehr eine Umfrage.

 

Was bringt ein Satz, wenn er einfach so dahin gestellt wird?

 

Es folgt die Aufforderung:

 

Schlagt Seite 28 in dem Buch das ihr gerade lest auf und schreibt den Satz hin.

 

Und wenn er unvollständig ist? Sein Anfang steht auf der Seite 27. Sollen wir dann den Satz nur bruchstückeweise hinschreiben? Oder lieber gleich den nächsten nehmen? Den ersten Satz, der vollständig auf Seite 28 erscheint?

 

Manche schreiben wirklich nur den halben Satz hin, mit dem die erste Zeile der geforderten Seite 28 gefüllt ist. Ich mag keine halben Sachen. Ich mag auch nicht rückwärtsgehen oder, in diesem Fall, eine Seite zurückblättern. Also wähle ich den ersten vollständigen Satz, den ich auf der Seite 28 antreffe.

 

Es ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.

 

Das ist völlig aus dem Kontext gezogen. Damit kommt sicherlich niemand auch nur annähernd auf das besprochene Thema. Nicht einmal, wenn in Klammern dahinter der Titel des Buches stehen würde.

 

Es ist jedoch insofern interessant, als dass man seine eigene Fantasie freien Lauf geben kann und sich eine eigene Geschichte dazu ausdenken könnte.

 

Es könnte jedermann oder irgendetwas sein.

 

Aufnahmen ermöglichen ebenfalls diverse Interpretationen.

 

Wann ist später?

 

Was wird dann sichtbar?

 

Was man alles aus so einem einfachen, unscheinbaren Satz herausholen kann!

 

Damit wenigstens diese Fragen nicht unbeantwortet bleiben, hier die Auflösung. Zur vollständigen Erkenntnis sind ein paar Sätze mehr nötig:

 

“Warum macht man Röntgenaufnahmen von Perlen?“ fragte die junge Studentin.

“Perlen sind organische Substanzen“, erklärte ihr Annalisa. “Durch die Röntgenaufnahmen sieht man sofort, ob es sich um natürliche oder gezüchtete Perlen handelt. Bei letzteren bekommt die Auster einen minutiösen Fremdkörper einverleibt, damit sie angeregt wird, ihr Perlmutt auszuschütten. Er ist später nur bei diesen Aufnahmen sichtbar.“

 

Auszug aus Die Edelsteinsammlung © Marina A. Zimmermann

www.amazon.de/dp/B00A0NAKJ8

 

Nächstes Beispiel:

 

Seine Gespielinnen sind für ihn anonyme Unterhaltungen gewesen.

Damit kann man schon etwas mehr anfangen, ohne den gesamten Abschnitt lesen zu müssen. Ein klarer Satz, der keine weiteren Erläuterungen benötigt.

 

Er kommt aus meinem kurzen, aber umso intensiveren Liebesthriller

 

Dein Spiel © Marina A. Zimmermann

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Und zuletzt der erste vollständige Satz aus Seite 28 von meinem aktuellen Roman:

 

Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

Hier fragt man sich sofort, um welche Art von Musik es sich handelt. Ich könnte das natürlich mit einem Wort beantworten und einfach den Namen des Komponisten angeben. Aber das wäre doch viel zu simpel.

 

Wir wollen doch etwas genießen, und das ... wunderbare ... vertiefen.

 

André liebte sein Instrument und er liebte Rachmaninow. Das wusste sie. Schweigend setzte er sich ans Klavier und begann, diese gewaltige russische Musik auf seine Art zu interpretieren. Céline hatte es sich in einem der großen Polstersessel bequem gemacht. Sie beobachtete sein harmonisch abgerundetes Profil, während seine feingliedrigen Hände auf den Tasten tanzten, seine kräftigen Arme sich streckten und kreuzten und seine Finger den Druck auf das Instrument zu verstärken schienen. Sein Geist war schon lange in diese wunderbare Musik vertieft.

 

Dein Weg © Marina A. Zimmermann

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