Meine definitive Stellungnahme zur DSGVO

 

Nach dem Frühstück werfe ich gerne einen Blick in die lokale Tageszeitung. Heute blieb er an einem Foto hängen. Ein Mann saß auf einem umgekippten Boot. Es sah aus wie ein Strand an einem See, irgendwo im Süden Deutschlands. Doch es war ein trockener See. Der Grund dafür ist zweitrangig. Ich streifte nur kurz den Titel. Viel mehr hat mich der Mann angezogen. Er mag irgendwann die Sechzig überschritten haben. Die Bildunterzeile erzählte, dass er seit vierzig Jahren im Sommer seine Boote auf diesem See vermietete. Doch ich sah nur ihn. Wird er wohl ein Smartphone besitzen? Genau dieser Gedanke ging mir durch den Kopf. Er war so erfrischend weltfremd in dieser ungewohnten Umgebung. Ich glaube kaum, dass er einen Computer bedienen würde, geschweige denn sich mit Internet und DSGVO auskennt. In dem Moment fand ich diesen Gedanken unglaublich entspannend.

 

 

 

Seit dem 25. Mai gibt es in den Arztpraxen neue Info-Ausdrucke in Bezug auf die aktualisierte DSGVO. Bei dem einen Arzt wird man nur höflich aufgefordert, die drei (!) Seiten zu lesen. Bei dem anderen Arzt muss ich am Ende der Lektüre auch noch unterschreiben. Lästig, aber unvermeidlich. Wie damals, Ende der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, als ich von meiner Bank (in Italien!) ein ganz ähnliches Dokument zur Unterschrift vorgelegt bekam. Damals war noch eine kleine Erpressung miteingebaut: Unterschreibst du die neue Privacy-Klausel nicht, dann bekommst du keinen Dispo mehr.

 

Ein anderes Umfeld, ebenso bekannt: man steht am Postschalter in der Warteschlange. Zwar zeigt ein dicker, gelber Strich am Fußboden: bis hier und nicht weiter. Doch trennt dieser Streifen keine zwei Meter zwischen dem Schalter und dem Wartenden. Fazit: man ist nicht außer Hörweite und bekommt ALLES mit, was am Schalter besprochen wird.

 

Und wie steht es mit irgendeiner Kasse, sei es im Supermarkt, an der Tankstelle oder in sonst irgendeinem Laden? Ich bekomme Tobsuchtsanfälle, wenn ich bei der Kartenzahlung meine PIN eindrücken soll und im Nacken den Atem des Kunden spüre, der hinter mir steht und es eilig hat! Da kann ich schon mal mit leicht abgespreizten Ellenbogen und (un)absichtlich einen kräftigen Schritt rückwärts machen. Anstatt mich zu entschuldigen bekommt die betreffende Person einen feurigen Blick, der meist alle Aufregung über meine Tätlichkeit im Keim erstickt. Nur einmal wollte mich ein betagter Mann weiter drängen. Mit diesem einfachen Satz wurde er sofort mundtot: Haben Sie Angst zu sterben, bevor Sie Ihre Ware nach Hause bringen können?

 

 

 

Überall gibt man täglich seine persönlichen Daten weiter. In den meisten Fällen denkt man dabei überhaupt nicht an diese DSGVO. Es reicht ja schon der eigene Name oder die Telefonnummer! Wie oft höre ich die Adresse, die Telefonnummer oder gar das Geburtsdatum der Person, die vor mir irgendwo gerade diese Auskünfte erteilt. Ohne sich darüber Gedanken zu machen, wer hinter oder neben ihr steht.

 

Dann sind da noch die unzähligen Handygespräche in der Bahn, am Flughafen, in den Cafés, auf den Straßen, in den Parks. Einfach überall, wo sich Menschen aufhalten, gibt es immer jemanden, der telefoniert.

 

Und jetzt will mir jemand erzählen, welche Vorsichtsmaßnahmen ich ergreifen soll, wenn ich ein Profil in den sozialen Netzwerken habe. Insbesondere wurde bekanntlich Facebook ins Visier genommen. Jeder, ob Jugendlicher oder Erwachsener, der sich dort ein Profil einrichtet, sollte sich klar darüber sein, was er von sich erzählt und welche Bilder er hoch lädt. Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören! Wenn ich ein Foto, ein Gedicht, einen Text dort veröffentliche, bin ich mir voll bewusst, dass dies derselbe Effekt ist, als wenn ich mich auf den Marktplatz stelle und das gleiche tue. Ich bin in einem öffentlichen Raum, jeder, der vorbeikommt, kann mich sehen und hören, im Falle von Facebook: lesen.

 

Nun ist es oft wirklich grenzwertig und ich schüttele manchmal meinen Kopf, was wer so gerne von sich erzählt und zeigt. Alltagssituationen, momentane Empfindungen, Krankheiten und ihr Verlauf. Viele suchen gerade in den sozialen Netzwerken einen Ersatz für eine Psychotherapie. Es gibt ja immer jemanden, der kommentiert, mitfühlt, tröstet, beratet. Und das kostenlos!

 

Dieser ganze Hype um das neue Gesetz hat im Grunde nichts verändert, was vorher schon dagewesen. Es gab nur eine ziemlich scharfe Erinnerung daran. Die Folgen sind neuerdings dicke Balken, die mir einen guten Teil der Webseite versperren, die ich gerade geöffnet habe. Und um was geht es? Um die heiß gehassten Cookies! Nicht mehr und nicht weniger! Nur, dass ich sie jetzt auf einigen Webseiten auch ablehnen kann. Andere zeigen mir die Möglichkeit, netterweise sehr diskret, sie intensiver zu lesen. In dieser Hinsicht wird sich kaum etwas ändern. Im Netz wird weiter spioniert, was ich suche, kaufe, lese und es wird weiterhin die passende Werbung zugeschaltet, sobald ich eine kommerzielle Seite verlasse. Nun, was der Cookiestress angeht, in dieser Hinsicht bin ich nun wirklich zu einer überzeugten Ignorantin geworden. Ich sage nicht nein, ich sage nicht ja. Ich scrolle einfach drüber. So, wie ich es vorher auch getan hatte.

 

Und: ich lasse mich nicht erpressen. So weit geht meine Neugierde nicht! Als ich auf der Webseite von Forbes einen Artikel lesen wollte empfing mich ein grauer Hintergrund mit einem großen Fenster mittendrin. Dort stand klar und deutlich, wenn ich den Artikel lesen möchte, MUSS ich der neuen europäischen Datenverordnung folgen und die Cookies akzeptieren. Bis dato hatte ich immer ein sehr gutes Verhältnis mit diesem Finanzmagazin. Jedoch hatten sie einen wichtigen Fakt übersehen: Ich MUSS gar nichts. Ich DARF jetzt wählen. Deshalb verzichtete ich auf den Artikel und klickte nicht auf die einzige mir gegebene Option!

 

 

 

Somit bevorzuge ich, so manche Webseiten und natürlich auch die Cookie-Balken zu ignorieren.  Der Vortrag eines kompetenten Anwalts, der sich auf die IT-Rechte spezialisiert hat, war für mich aufschlussreich genug. Der Rest liegt jedem selbst in der Hand. Er braucht nur seinen gesunden Menschenverstand einzuschalten.

 

 

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