„Der Kampf um die Seele der Deutschen“ Sigmar Gabriel

 

 

 

 

Sigmar Gabriel, ein Poet? Oder ein Philosoph? Weder noch! Er ist mit Leib und Seele ein Politiker und wird es bleiben. Auch wenn er kein wichtiges Amt mehr führt. Er bringt seine Erfahrungen in die Privatwirtschaft und, vor allem, in die Hörsäle der Universitäten in Deutschland und Amerika.

 

Ich habe ihm in der Neuen Uni in Würzburg zugehört. Über sechshundert Studenten und interessierte Zuhörer drängten sich an einem warmen Montagnachmittag in das Audimax der Neuen Uni.

 

Sigmar Gabriel referierte ausführlich über die Situation in Europa. Eben diesen „Kampf um die Seele der Deutschen“. Europas Grenzen öffnete er bald mit einem kritischen Blick auf das Weltgeschehen. Ohne dabei jedoch die interne Lage Deutschlands aus den Augen zu verlieren. Im Gegenteil: Gabriel ist besorgt um die deutsche Zukunft. So überzeugt er sich gerne als Europäist gibt, tief in seiner Seele ist er erst einmal Deutscher und fürchtet demzufolge, dass die hart errungene Hegemonie in Europa ein Ende haben könnte. Dass die Welt draußen an Deutschland vorbeisausen könnte.

 

Ich muss zugeben, dass sehr viele der Aussagen von Sigmar Gabriel mit meinen eigenen übereinstimmen. Zwar fühle ich mich dennoch nicht zu seiner Partei hingezogen, aber mit diesem Mann würde ich mich gerne einmal unterhalten. Wir sind beide überzeugte Europäisten. Ja, das ist ein schönes neues Wort für „überzeugte Europäer“. In dieser Hinsicht habe ich einen angemessenen Vorteil. Zwar war Gabriel durch seine Ämter auch fleißig in der Welt unterwegs. Jedoch immer nur auf Staatsbesuch oder mal im Urlaub. Ich habe in verschiedenen europäischen Ländern gelebt: Frankreich, Schweiz, Italien, England, Norwegen, Deutschland. Das ist ein großer Unterschied. Da bekommt man viel mehr die Mentalität der Bewohner zu spüren und wie es sich in den Ländern wirklich verhält. Besonders in sozialer Hinsicht. Da sind die Deutschen keineswegs Klassenbeste. Tut mir leid, Herr Gabriel! Das lebe ich momentan sehr bewusst!

 

 Wir beide haben noch eine kleine, große Gemeinsamkeit: wir sind uns altersmäßig sehr nahe. Wir können einige historische Zusammenhänge besser nachempfinden, weil wir sie erlebt haben. Da ist bei einigen der anwesenden Studenten so manches nicht ganz angekommen. Sie kennen Vieles nur aus ihrem Geschichtsunterricht. Daraus ergeben sich ganz andere Aspekte, die zu völlig differenzierten Standpunkten führen können. 

 

Gabriels Vortrag war für mich eine ausgezeichnet dargestellte Aktualisierung der heutigen Situation. Seine Rhetorik ist einnehmend. Mit klaren, jedoch sehr gut gewählten Worten stellte er mir Sachverhalte dar, die ich aus einer völlig anderen Perspektive betrachtet hatte. In manchem war ich auch in der Zeit hängen geblieben und hatte die Veränderung nicht so stark bemerkt, wie sie sich vollzogen hatte. Damit meine ich die verschiedenen Bündnisse und ihre Umgestaltungen.

 

Eine Studentin hatte mich mit einer Aussage zum Nachdenken angeregt:

 

„Wir sind eine Generation, die alles hat und deshalb nur über Geld redet, nicht über das (Über)leben.“ Sehr beunruhigt wurde ich, als sie ihre Frage an Gabriel formulierte: „Wer gibt uns Motivationen?“ Die lapidare Antwort von Gabriel fand ich umwerfend und zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen: „Der Verstand.“

 

Gabriel hat die Gabe, sehr gut druckreif sprechen zu können. Seine beiden Blätter Papier standen wohl nur seinen Händen zur Verfügung, damit er sie nicht zu sehr gestikulieren ließ. Mehr als ein paar Stichpunkte werden dort auch nicht notiert gewesen sein.

 

Um ihn herum gab es zwischendurch einige Störungen. Der Kameramann holte sich, hinter der rechten Schulter von Gabriel stehend, eine Nahaufnahme des Fragestellers im Publikum. Vor dem Redner klickten die Fotokameras der Reporter. Mal abgesehen vom Publikum, das sehr nahe neben ihm auf der Bühne und vor ihm im Saal saß. Trotz der lauschenden Stille blieb es sehr unruhig auf der Bühne.

 

Jedoch ließ sich Gabriel einfach nicht aus seiner bewundernswerten Ruhe bringen. Bemerkenswert war auch seine Reaktion, als durch die offenen Türen laute Rufe von draußen kamen. Vermutlich wusste er sofort, dass es sich um eine beabsichtigte Störaktion handelte. Der Rentner, der ihn für seine Altersarmut verantwortlich machen wollte, bekam eine schlagfertige Antwort, die das Publikum mit einem tosenden Applaus lobte, sodass der gute Mann sofort mundtot blieb. Einige Minuten später brachte jener seine Schriftzüge in den Saal. Gabriel las sie, korrigierte die angegebenen Zahlen und kommentierte so kurz und aufrichtig, dass der eigentlich Störenwollende bis zum Ende des Vortrags aufmerksam lauschend dabei blieb. Vielleicht hatte er sich ja nur einen guten Platz im überfüllten Saal suchen wollen. Letztendlich bekam er noch ein paar versöhnende Worte, als Gabriel dem Ausgang zuging und natürlich nicht an diesem Herrn vorbeikam.

 

Sigmar Gabriel kann die Altersarmut in Deutschland auch nicht stoppen. Wenigstens nicht alleine. Zudem hatte er nie das dafür zuständige Amt inne. Deshalb werden solche Störer auch nicht ernst genommen. Was hatte ich mich vor dem Vortrag aufgeregt. Über zwei Dinge: Zuerst verstand ich nicht, warum der Parkschein-Automat kein Restgeld herauswarf und meine Münzen nicht nur geschluckt, sondern sogar auf dem Beleg bestätigte, dass ich zu viel gezahlt hatte. Und zweitens war ich sehr beeindruckt, als ich 40 Minuten vor dem Beginn schon einen bestens gefüllten Saal vorfand. Jedoch gab es KEINEN der jungen Studenten, die aufstanden und einem älteren Zuschauer ihren Sitzplatz überlassen hätten. So viel zum Benehmen der nächsten Generation!

 

Jedoch war das für mich nur ein Fakt, den ich nebenbei mitbekam. Die Hauptperson hatte mich schon lange überzeugt und ich hatte mich sehr gefreut, dass ich letztendlich doch noch einen Sitzplatz ergattern hatte können! Es war ein gelungener Nachmittag und kein bisschen zu lange!

 

 

 

 

 

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