Mein Referat über Heinrich Böll

 

 

Vor 33 Jahren war Heinrich Böll gestorben.

 

 Diese Nachricht las ich gestern auf Twitter. Wie viele Erinnerungen kamen da in mir hoch. Ich konnte fast nicht mehr arbeiten. Dennoch musste ich mich konzentrieren.

 

Heute habe ich mir die Zeit genommen und ein paar uralte Blätter aus einem Ordner geholt, der so einiges aus meiner Vergangenheit aufbewahrt. Die Buchstaben verbleichen nach und nach auf dem Papier, das ebenso langsam einen gelblichen Ton von der Zeit bekommt.

 

Ich habe den Text abgeschrieben, in meinen Laptop. Die Sprache habe ich beibehalten, ebenso die Schreibweise. Es handelt sich um ein Referat, das ich 1976 für den Deutsch-Unterricht geschrieben hatte.

 

Zu Beginn des Schuljahres waren wir damals aufgefordert, einen bedeutenden Schriftsteller der deutschen Literatur auszuwählen und über sein Leben und sein Werk zu referieren.

 

Ich hatte mich für Heinrich Böll entschieden. Herausforderungen waren schon immer meine Leidenschaft gewesen.

 

 

Hier möchte ich heute das Referat veröffentlichen, als Hommage für seinen Todestag, aber auch als Aufruf, diesen überragenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts nicht zu vergessen.

 

 

Heinrich Böll: Leben und Werk

 

Inhalt und Deutung von “Ansichten eines Clowns“

 

 

Heinrich Böll ist im schlimmsten Hungerjahr des 1. Weltkrieges geboren, am 21. Dezember 1917 in Köln. Dort ist er aufgewachsen und hat nach 13 Schuljahren sein Abitur gemacht. Er ist streng katholisch erzogen worden und ist es bis heute auch geblieben. Das wohl schwerwiegendste Ereignis seiner Jugend war die Machtübernahme Hitlers als er 15 Jahre alt war. Böll sagte einmal, daraufhin angesprochen: „Komische Sache, es blieb mir erspart, Nazi zu werden, obwohl meine Jugend dafür prädestiniert war.“ Hitler hatte damals nämlich seine begeistertsten Anhänger unter den Jugendlichen gefunden.

 

Dann kam die Währungskrise: „Erinnerung an das erste Geld, das ich in die Hand bekam: es war ein Schein, der eine Ziffer trug, die Rockefellers Konto Ehre gemacht hätte: 1 Billion Mark; ich bekam dafür eine Zuckerstange...“

 

1938 wurde er in einer Buchhandlung Lehrling. Während seines Germanistikstudiums arbeitete er in der Werkstatt seines Bruders, dem eine Tischlerei gehörte. Böll studierte nur drei Monate Germanistik, dann kam der Krieg. Dem Wehrdienst konnte auch er nicht entfliehen, obwohl er ihn verabscheute, so wie er Faschismus, Nationalsozialismus und Kriegstreiberei verabscheute. Den 2. Weltkrieg erlebte er von Anfang bis Ende als Infanterist. Er lernte die Welt von Cap Gris-Nez bis Rußland kennen. Im Krieg wurde er viermal verwundet. Das Durcheinander des Krieges ekelte ihn an. (Später fand man dieses Gefühl sehr häufig in seinen Romanen, besonders in den ersten, wieder.) Nach sechs Jahren Krieg landete er zuerst in englischer, dann in amerikanischer Gefangenschaft. Doch schließlich kehrte auch er wieder nach Hause zurück. Nach Hause, daß hieß für ihn immer nach Köln, denn das war und blieb und ist auch heute noch seine Heimatstadt, an der er sehr hängt. Als er nach dem Krieg nach Köln kam, war seine geliebte Stadt völlig zerstört. In den Trümmern fand er trotzdem seine Frau wieder. Leider kann ich nicht sagen, wann die beiden geheiratet haben. Es muß irgendwann zwischen Studium und Kriegsanfang gewesen sein.

 

Zwei Jahre nach diesem Krieg begann er zu schreiben. Es waren am Anfang nur Kurzgeschichten, die er an mehrere literarische Zeitschriften verkaufte. Obwohl sein erster Roman schon 1949 erschien, gilt er erst seit 1951 als freier Schriftsteller. Im gleichen Jahr bekam er auch den Preis der Gruppe 47, ein Kreis avantgardistischer Schriftsteller, der von Werner Richter 1947 gegründet worden ist. Böll hat sich damals sehr darüber gefreut, denn er war noch am Anfang seiner Karriere, wenn man seinen bisherigen Lebenslauf einmal so bezeichnen darf, und hielt diese Auszeichnung für sehr hilfreich.

 

1954 bis 1959 wurden fünf von seinen Romanen ins Englische übersetzt. 1959 wurde ihm der Eduard-von-der-Heydt-Preis der Stadt Wuppertal überreicht. Anläßlich dieses Preises erschien im Verlag Kiepenhauer & Witsch ein Büchlein mit dem Titel “Der Schriftsteller Heinrich Böll“. In diesem Büchlein hat Wolfdietrich Rasch in seinem Beitrag “Lobrede und Deutung“ über Böll geschrieben: „Heinrich Böll ist weithin bekannt und hoch geschätzt, auch über unsere Sprachgrenzen hinaus; etwa in Frankreich, in England. Wenn bei uns oder in den Nachbarländern von der gegenwärtigen deutschen Literatur die Rede ist, wird Böll immer als einer der bedeutendsten Repräsentanten der Nachkriegsdichtung genannt.“

 

Im Jahre 1959, d.h. mit 42 Jahren, hatte Böll einen internationalen Ruf erreicht. Heute ist er 58 Jahre alt und schon fast zur Legende geworden.

 

In jedem seiner Werke spielt der Katholizismus eine bedeutende Rolle. Sie kann auch negativ sein, denn er kritisiert die katholische Kirche in Deutschland, wo er nur kann und hebt ihre Mißstände, für jedermann verständlich, deutlich hervor.

 

„Was Böll anfaßt wird zur Geschichte.“ Diesem Ausspruch kann ich nur zustimmen. Denn in all seinen Werken, die er je schrieb, ob Roman, Kurzgeschichte oder Buchkritik; der Leser spürt in jeder Zeile den gegenwärtigen Böll. Eine Fähigkeit, die heute selten geworden ist.

 

Er sieht im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg ein Versäumnis; das läßt er den Leser jederzeit spüren. Er hat schon einmal zwischen zwei Kriegen gelebt, und nichts beunruhigt ihn mehr, als der Gedanke, wir könnten wieder zwischen zwei Kriegen leben. Daher verpönt er Wohlstand und Erfolgssucht. Er hat Angst, daß das alles, was wir uns seit dem letzten Weltkrieg mühsam aufgebaut haben, eines Tages zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Dieser Angst begegnet er mit bösartiger Satire. Und auch hier erfindet er Geschichten, dies seinen Protest nicht klar hervorbringen, sondern ihn als Gleichnis darstellen. Seine Figuren sind auch nie erfolgreiche Staatsbürger, sie werden von ihm zu Buhmännern gemacht, sondern immer Außenseiter und Erfolglose.

 

Ein Beispiel dafür wäre sein großer Nachkriegsroman “... und sagte kein einziges Wort“, der 1954 erschienen ist. Hier schildert er einen Mann, namens Bogner, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit acht Jahren in einer Einzimmerwohnung lebt. Ständig nörgelt der Vermieter an ihm herum – ständig belästigt ihn der Verkehr der Innenstadt. Dieser Mann hat noch nicht die Grausamkeit des letzten Krieges überwunden, ebenso den Tod seiner Mutter, als er sieben Jahre alt war. Das alles deprimiert ihn dermaßen, daß er von zu Hause weggeht und zu trinken beginnt.

 

In diesem Roman kann man auch gut erkennen, wie genau Böll seine Umwelt aufnimmt, wie detailliert er Dinge beschreibt, die wir unter gegebenen Umständen nur unbewußt aufnehmen würden. Sehr deutlich sieht man es an der Stelle des Buches, wo Bogner in der Telefonzelle am Bahnhof ist, weil er sich von einem Bekannten Geld leihen will. Den ganzen Vorgang könnte man in einem Satz zusammenfassen, doch das tut Böll nicht. Er schildert alle Details, die irgendwie aufnehmbar sind: “Ich hatte sehr viele Groschen in der Tasche und zögerte noch einige Augenblicke, sah mir die uralten, dreckigen Tarife an, die an den Wänden der Zelle hingen, die völlig übermalte Gebrauchsanweisung, ließ zögernd die ersten beiden Groschen in den Schlitz fallen ... ich wählte den Namen dessen, von dem ich am ehesten erwarten konnte, daß er mir etwas geben würde ... ich ließ die beiden Groschen unten in der Tiefe des Automaten ruhen, drückte den Hebel noch einmal herunter und wartete etwas ... oben rollten die Züge dumpf aus und ein, ich hörte die Stimme des Ansagers sehr fern.“

 

Diese Schilderung von Details, die manchem überflüßig erscheinen mag, hat bei Böll einen ganz bestimmten Sinn. Dadurch, daß er uns klar macht, was wir nur noch im Unterbewußtsein aufnehmen, zeigt er uns, daß der Mensch und die Welt sich ständig entfremden. Er hält uns einen Spiegel vor und will uns damit zum Nachdenken anregen.

 

Heinrich Böll schrieb im Laufe seines bisherigen Lebens so viele Romane, Erzählungen, Reden und Kurzgeschichten, daß ich mich nur auf die wichtigsten beschränken möchte:

 

Sein erster großer Nachkriegsroman erschien 1949 mit dem Titel “Der Zug war pünktlich“. “Wanderer, kommst du nach Spa ...?“ war ein Band von Erzählungen, die 1950 erschienen sind. Ein weiterer Band erschien 1951 “Wo warst du Adam?“. “Haus ohne Hüter“, ein Roman aus dem Jahr 1954, könnte man ebenso als Familienroman bezeichnen, wie “Das Brot der frühen Jahre“, der ein Jahr später erschien. In beiden Romanen spielt die Familie die Hauptrolle. 1957 schrieb er dann die Erzählung “Tal der donnernden Hufe“ und 1958 kam das Band “Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ heraus, das man ebenso als gesammelte Satiren bezeichnen kann. “Billard um halbzehn“ ist für mich das größte Werk, das Böll je geschrieben hat, obwohl es vom Inhalt her etwas schwer zu lesen ist. Es erschien im Jahre 1959. Das erste Drama, das er geschrieben hat, war “Ein Schluck Erde“ aus dem Jahr 1962. Es bekam damals sehr schlechte Kritiken. Die Erzählung “Ende einer Dienstfahrt“ erschien 1966. Wie diese Erzählung entstand, schildert Böll in seinem Buch “Aufsätze – Kritiken – Reden“. So, kann ich mir vorstellen, daß auch einige andere Werke Bölls entstanden sind. Sein zweites Drama, schrieb er 1969: “Aussatz“. Anfang der 70er Jahre erschien sein großer Roman “Gruppenbild mit Dame“, der verfilmt worden ist. Die Titelrolle spielte Senta Berger. Ebenso verfilmt wurde “Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, die er letztes Jahr geschrieben hat. Sie wurde von Volker Schlöndorff inszeniert.

 

Eine weitere Verfilmung eines Buches des Nobelpreisträgers Böll: “Ansichten eines Clowns“. Die Hauptrollen spielten Hanna Schygulla und Helmut Griem. Er spielt den Clown Hans Schnier, mit dem es, nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Marie, gespielt von Hanna Schygulla, beruflich immer weiter bergab ging.

 

Der ganze Roman spielt sich an einem einzigen Nachmittag ab. Schnier sitzt zu Hause in seiner Bonner Wohnung mit einer Knieverletzung, die er sich mehr oder weniger absichtlich zugezogen hat. Danach brach er seine Deutschlandtournee ab, um weiteren Absagen zuvor zu kommen.

 

Er sitzt also nun in Bonn und überlegt, wen er alles anrufen könnte, von wem er Geld erwarten könnte, denn sein ganzes Vermögen besteht nur noch aus einer einzigen Mark: „Ich suchte ich Telefonbuch die Nummern aller Leute zusammen, mit denen ich würde sprechen müssen; links schrieb ich untereinander die Namen derer, die ich anpumpen konnte: Karl Emonds, Heinrich Behlen, beides Schulkameraden, der eine ehemals Theologiestudent, jetzt Studienrat, der andere Kaplan, dann Bela Brosen, die Geliebte meines Vaters – rechts untereinander die übrigen, die ich nur im äußersten Fall um Geld bitten würde: meine Eltern, Leo (den ich um Geld bitten könnte, aber er hat nie welches, er gibt alles her), die Kreismitglieder: Kinkel, Fredebeul, Blothert, Sommerwild, zwischen diesen beiden Namensäulen: Monika Silvs, um deren Namen ich eine hübsche Schleife malte.“ Dann erinnert er sich jedoch an die Zeit mit Marie und wie er sie kennengelernt hatte. Schnier war nicht katholisch, ja nicht einmal religiös; Marie dagegen war streng katholisch und daher kam ein interessanter Gegensatz zustande. Beide waren nicht miteinander verheiratet. Sie heirateten auch nicht. Sie lebten einige Jahre zusammen. Marie begleitete ihn auf seinen Tourneen. Doch Schnier und Marie trennten sich nach einem Gespräch, das sie in einem hannoverschen Hotelzimmer führten: „Bei Marie fing ich schon an zu zweifeln ... wie sie es für richtig hielt.“ Die gemeinsame Erziehung der Kinder und ein dadurch entstandener Konfessionsstreit führten zur Trennung. Marie heiratet einen gewissen Züpfner, den sie aus einer katholischen Gemeinschaft her kennt. Schnier denkt sehr oft an diesem Nachmittag an die beiden, da er Marie nicht vergessen kann und will.

 

Gegen Abend kam dann sein Vater zu Besuch; ein reicher, aber auch entsprechend geiziger Mann. Er hätte seinem Sohn einen monatlichen Zuschuß gebilligt, wenn dieser nach seinen Vorstellungen trainieren würde. Doch damit ist Schnier nicht einverstanden und so bekommt er schließlich ncihts.

 

Er rief noch einige Leute an, die er entweder um Geld fragt oder freiweg mit Vorwürfen bombardiert. Diese Leute waren alle katholisch und er hatte sie durch Marie kenngelernt. In jedem Katholik sieht er Züpfner und deshalb wirft er ihnen Ehebruch vor, da er mit Marie zusammengelebt hatte, als wären sie verheiratet gewesen.

 

Spät abends machte er sich einige Gedanken, wie er wieder zu Geld kommen könnte.

 

In diesem Buch werden die Zweifel deutlich, die Böll gegen die katholische Kirche, als solche, hegte.

 

Er läßt die katholische Kirche durch Schnier sehr anzweifeln, besonders ihre Vorstellung, wie ein überzeugter Katholik zu leben hat. Davon kann man die Kernfrage des Romans ableiten: Kann die Konfessionsfrage zu einem unlösbaren Problem werden?

 

Böll läßt diese Frage absichtlich offen, damit wir uns einmal Gedanken darüber machen können. Diese Frage möchte ich unbeantwortet an euch weitergeben.

 

 

 

 

 

Quellennachweis:

 

“Der Schriftsteller Heinrich Böll“, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1959

 

“Heinrich Böll, Romane“, Lizenzausgabe des Verlags Kiepenheuer & Witsch, Köln