Goethe und die Gespräche mit Eckermann

 

Fast drei Monate habe ich für die knapp 700 Seiten reiner Lesestoff der Gespräche Eckermanns mit Goethe benötigt. Einleitungen und endlose Fußnoten interessieren mich nur gezielt. In diesem Fall war die Einleitung hintenan gesetzt worden. Dennoch habe ich, keine drei Seiten davon gelesen. Ich wollte mir nicht meinen guten Eindruck von einer sehr kritischen bisweilen gar unschönen Opinion demolieren lassen.

 

Es war so schön und geistreich in der Gesellschaft von Goethe und seinem, zugegeben: sehr erhabenen, Eckermann! Ja, wie er genau zu Goethe gestanden haben mag kann ich nur vermuten. Ihre Beziehung war doch sehr verschwommen. Eckermann genoss die Stunden mit seinem “Idol“, wenn ich dieses, eigentlich moderne, Wort verwenden darf. Er vergötterte Goethe. Und Goethe, ja der alte Meister nutzte diese Begeisterung auf eine ganz clevere Art und Weise aus.

 

Es ist ein dickes Buch mit dünnen Seiten, wie ich es gerne habe. Eingebunden in schönem, rotem Leinen, bleiben die beinahe hauchdünnen Seiten über Jahrzehnte hinweg gleich und bekommen keinen gelben Schimmer. Der geflochtene Seidenfaden ist für mich immer noch das eleganteste Lesezeichen. Schließlich tragen diese, für manche vielleicht unbedeutenden, für mich jedoch überaus wichtigen Details sehr zu meinem Lesevergnügen bei.

 

Ich genoss jede Zeile. Es war ein wunderbarer Einblick in das alltägliche Leben der Zeit zwischen zwei Jahrhunderten. In diesem Fall ging es vom 18. ins 19. Ebenso konnte ich meine Geschichtskenntnisse auffrischen. Goethe hat mich überrascht mit seinen, bis ins hohe Alter gepflegten Sprachkenntnissen. Er diskutierte gerne die Tagesereignisse, die er sich aus einer englischen und einer französischen, sowie natürlich auch aus einer deutschen Zeitung in den Originalsprachen einholte. Ich war nicht wenig erstaunt über die damaligen Kuriere. Wenn Eckermann vom Piemont nach Genf knapp sechs Wochen mit der Kutsche benötigte, dann frage ich mich schon, wie alt die Zeitungen wohl gewesen sein werden, die Goethe aus Frankreich und aus England erhalten hatte.

 

Wie dem auch sei, Goethe war ein Mensch, den ich liebend gerne persönlich kennengelernt hätte. Wir haben unzählige Ansichten und Meinungen gemeinsam. Ebenso verbindet uns die konstruktive Neugierde über alles, was unser Verstand zu begreifen im Stande wäre. Nur eines trennt uns: die damalige Differenzierung zwischen Mann und Frau. 

 

Zwischen Goethe und mir liegen die zwei bedeutendsten Jahrhunderte, in denen die Weltgeschichte ihre rasantesten Fortschritte vollzogen hat. Und doch bin ich überzeugt, dass dieser vielseitige Denker und überaus kultivierte Mann seine Freude an diesen Progressen gehabt hätte.