Der Ekel ... der ersten Seite

 

Jean-Paul Sartre – Der Ekel

 

 

 

Dieses Buch hat sehr lange Jahre auf mich warten müssen. Es hat mich bei meinen zahlreichen Umzügen in den letzten drei Jahrzehnten begleitet! Bücher sind treue Freunde. Irgendwann ist ihre Zeit da. Dann freuen sie sich, wenn man ihre Seiten öffnet. Jeder Luftzug wird mit einem ganz besonderen Duft begrüßt. Der Duft einer anderen Epoche. In diesem Fall hat er mir geholfen, mich sofort um ein ganzes Jahrhundert und noch weiter vom Jetzt zu entfernen.

 

Wie so oft, waren die ersten Seiten keineswegs einladend. Ich kann niemanden verstehen, der Bücher nur kauft, wenn ihm die erste Seite gefällt. Das sind keine guten Leser. Sie werden sich sehr viele schöne Bücher entgehen lassen. Oder: es sind nur faule Leser, deren „Kopfkino“ sich nicht anstrengen will, die sofort in die Geschichte eintauchen wollen; dem Autor keine Zeit geben sich „einzuschreiben“.

 

Ich gebe einem Buch grundsätzlich 50 Seiten. Das ist mein Limit. Dann muss es mich überzeugt haben. Die ersten Seiten sind manchmal einfach holprig. Man muss sich erst an einen vielleicht etwas eigenwilligen Stil gewöhnen. So wie hier, bei Sartre.

 

Vor zig Jahren hatte ich Die Wörter gelesen und genossen. Nun war Der Ekel an der Reihe. Ein Roman mit minimaler Handlung, der langsam in eine Tiefe geht, aus der man nicht mehr auftauchen möchte. Zuweilen wird man wachgerüttelt durch knackig kurze Sätze, die mir vorkamen, als würde ich auf einer holprigen Straße fahren. Doch dann wurde ich wieder hineingezogen in die Denkweise des Ich-Erzählers. Ich begleitete ihn auf seinen mentalen Reisen in eine eigene Gedankenwelt. Ich wunderte mich zuweilen über seine „bunten“ Erinnerungen. Der größte Teil des Romans könnte in blassen, verwaschenen Farben eingetaucht sein. Ich teilte seine Sehnsucht, als er sich auf die Begegnung mit seiner wohl einzigen Liebe gefreut hatte.

 

Ich liebte vor allem seine Details, diese unglaublich schön geschilderten Nebensächlichkeiten, die man kaum aufnimmt im realen Leben. Und doch sind sie da, werden von uns oberflächlich registriert und sofort wieder verworfen. Kein Platz für das oft Unschöne in der nächsten Umgebung. Besonders auffallend war die Beschreibung der Menschen um ihn herum. Ich konnte diese Aufmerksamkeit des alleinlebenden Mannes sehr gut teilen. Diese Situationen waren vor dem Zeitalter des Smartphone eine der liebsten Beschäftigungen der Menschen gewesen: Andere zu beobachten, zu begutachten, zu kritisieren. Mit einem Lächeln erinnere ich mich daran. Die heutige Generation kennt diese Gegebenheiten überhaupt nicht mehr.

 

Dieses Buch wurde 1928 geschrieben. Seine mentale Tiefe bringt so viele Themen auf, die auch heute noch sehr aktuell sind. Ich habe das Buch in wenigen Tagen verschlungen. Nachdem ich einmal eingetaucht war, hatte mich jede Seite aufs Neue fasziniert. Manche Maxime habe ich mir herausgepickt, habe über sie nachgedacht, vielleicht auch den entsprechenden Absatz noch einmal gelesen. Am Ende wiederholte ich die letzten beiden Seiten zweimal. Wie eine Zugabe, wie ein Nachklingen, das doch bitte nicht so schnell verklingen sollte...

 

Wenn ich mich wirklich noch einmal in dieses Buch vertiefen möchte, dann werde ich wohl die Originalausgabe dazu erwerben.