Hiroyuki Masuyama in Würzburg

 

Vor gut zwanzig Jahren besuchte ich mit meinem Mann die Tate Gallery in London. Es ging mir dabei vor allem um die permanente Ausstellung der Gemälde William Turners. Seine verwaschenen Farben, die so gut wie jede Landschaft mit einem Hauch Nebel durchzogen, faszinierten mich. Mein Mann entdeckte zwischen vielen Meeren und Schiffen die Festung von Würzburg. Er liebt diese Stadt, nicht nur wegen dem überwältigenden, 600 qm großen, Tiepolo-Fresko in der Residenz. Entzückt betrachtete er dieses Bild inmitten von London, das ihn an eine nette, kleine Stadt in Deutschland erinnerte.

 

Heute wohnen wir in der Nähe dieser immer noch sehr attraktiven Stadt mit seinem regen Kulturleben. Wir schätzen ihre Kunstwerke und kennen ihre Museen.

 

In der lokalen Tageszeitung hatte ich einen interessanten Artikel gelesen, dass eben dieses Werk von Turner (und andere) von einem japanischen Künstler fotografisch überarbeitet worden ist. Neugierig fuhren wir ins Museum.

 

Schon bei dem Betreten des ersten Saales wurden wir von Hiroyuki Masuyama überwältigend empfangen. Eine nicht enden wollende Bildfolge, die eine wunderschöne Wiese mit ihren farbenprächtigen Blumen darstellte, auf der sich frische kleine Wasserfälle und Bäche fröhlich abwechselten, füllte die Wände dieses großen Saales mit ihrer vollen Pracht aus. Genau das richtige an einem heißen Sommertag! Die bunten Farben wirkten durch die Beleuchtung von innen noch intensiver. Diese Besonderheit charakterisierte auch die anderen Arbeiten von Hiroyuki Masuyama. Er hatte die Gemälde von William Turner, Caspar David Friedrich und weiteren Malern des 19. Jh. aufgenommen und am Computer auf seine ganz eigene Art und Weise überarbeitet. Dadurch entwickelten sich ihre Farben und Pinselstriche völlig neu. Dieser „Anstrich“ hauchte den antiken Gemälden eine neue Seele ein, mit der sie beschwingt ins 21. Jahrhundert herüberkamen, als wären sie erst gestern entworfen worden. Entzückt betrachteten wir die zahlreichen Werke mit den verschiedenen Ansichten von Venedig, Rom, den Schweizer Bergen und Seen, sowie natürlich zwei wunderschöne Darstellungen der Festung, die seit einigen Jahrhunderten über Würzburg ragt.

 

Ein paar Schritte weiter erwartete uns die nächste lange Sequenz mit unzähligen, aneinander gereihten, Fotografien. Doch vergebens suchte man die Schnittstellen. Auch hier gab es eine Unendlichkeit zu entdecken. Der Künstler hatte dazu eine 42stündige Weltreise unternommen. Mit dem Flugzeug war er einmal um den Erdball geflogen und hatte, nach eigenen Angaben, alle 20 Sekunden ein Foto geschossen. Zwischen Wolken und Erdboden war es hin und wieder sehr dunkel. Die Erde war in ihren Ballungszonen mit den bekannten Punkten beleuchtet, die man auch selbst beobachten kann, wenn man bei einem Nachtflug aus dem Fenster sieht. So wird dieses Werk nicht nur zu einer Reise um die Welt, sondern auch zu einer Reise in die Zeit.

 

Richtig erfrischend wurde es, als ich mich umdrehte und das gigantische Bild des Montblancs bewunderte. Diesen Berg hatte Hiroyuki Masuyama ebenfalls mit einem Flugzeug umkreist. Die daraus entstandenen Bilder, schön aneinander gereiht, damit es einem beinahe schwindlig werden konnte, waren neben dieser übergroßen Aufnahme des Gipfels ausgestellt. Ihre kolossale Wirkung auf den Betrachter wohl bewusst.

 

Wir waren begeistert von dieser Kraft und dem Genie, jahrhundertealte Gemälde mit der Hightech Fotografie des 21. Jahrhunderts neu zu gestalten. War noch die Wiese ein Farbenrausch und die Wasserpräsenz erfrischend, so übertrugen die Aufnahmen aus der Höhe einen berauschenden mentalen Flug über unsere Welt, unsere Erde.

 

Wer sich noch nicht genug aufgewühlt hatte, der konnte sich den ultimativen Kick in der begehbaren Holzkugel holen, die im großen Foyer aufgestellt ist. Einmal drinnen musste ich mich erst langsam an die völlige Dunkelheit gewöhnen. Dann aber gingen abschnittweise die Sterne auf. Über mir die nördliche Hemisphäre, unter mir die südliche Hemisphäre. 30.000 Löchlein und Löcher hatte Hiroyuki Masuyama, getreu nach den hierzu vorliegenden Sternkarten, in die Holzwände gebohrt und mit Lichtleiterkabeln verbunden. Sodass man an einem Ort etwas Einzigartiges sehen konnte, das in der Realität nicht möglich wäre. Mal schaute ich nach oben, mal staunte ich nach unten. Behutsam versuchte ich aufzustehen. Es war möglich. Die Kugel war groß genug. Doch die Dunkelheit, das ganz besondere Echo im Inneren, das bei jeder Bewegung leise Töne erzeugte, wie ein ferner Gong. All das hatte mir meine Orientierung genommen. Ich war gefangen im Sternenhimmel des Universums. Mit beiden Händen suchte ich vergebens die Luke zum Ausgang. Erst als mein Klopfen und mein Rufen von außen gehört wurden, sah ich den Lichtspalt der Realität. Ich war, fast einen Meter, zu weit rechts von der kleinen Öffnung gelandet. Diesen Ausflug ins universelle Firmament werde ich so schnell nicht vergessen.

 

Bis zum 4. November ist es möglich sich im Kulturspeicher in Würzburg ein Stündchen Zeit zu nehmen und sich diese unwiederbringlichen Emotionen zu gönnen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich selbst noch einmal in den Genuss kommen werde...