Danke Tübingen!

 

 

 

 

Ich habe einen irren Tag hinter mir! Aber es hat sich gelohnt!

 

Vor einem knappen Jahr bekam ich die Diagnose: Retinitis pigmentosa. Eine seltene Netzhauterkrankung, bei der sich das Gesichtsfeld von außen nach innen verkleinert bis hin zu einem Tunnelblick und im schlimmsten Fall, kann sie letztendlich zur Erblindung führen. Retinitis pigmentosa ist vor allem vererblich. Jedoch fand ich in meiner Verwandtschaft keine ähnliche Erkrankung. Ich hatte auch keinerlei Beschwerden oder Einschränkungen beim Sehen. Deshalb blieb ich erst einmal skeptisch.

 

Ich wurde in eine Augenklinik überwiesen. Dort führte man ein halbes Dutzend Untersuchungen durch. Mit dem Fazit: die Krankheit scheint stabil, kommen Sie in drei Monaten wieder. Es war Winter und ich konnte mich noch immer nicht mit dieser Diagnose anfreunden. Warum? Weil ich sehr gut sehe. Weil ich sehr gut Autofahren kann. Weil ich nur nach längeren Stunden am Laptop einen unangenehmen Druck spüre. Der sich jedoch mit einer Portion Feuchtigkeit durch gute Augentropfen sofort beruhigen lässt. Ich kenne meine Schwäche. Da ich kaum blinzele, wenn ich am Laptop sitze, trocknen meine Augen noch mehr aus. Damit lebe ich seit Jahrzehnten. Schließlich arbeite ich seit 1989 mit einem Computer.

 

Immer noch skeptisch, begann ich zu recherchieren. Für was gibt es denn Internet?! Es war mir einfach nicht möglich, mich mit dieser Diagnose zufrieden zu geben. Weder der Augenarzt noch die Augenklinik konnten mir den Ursprung erklären, noch wie ich mich pflegen kann, damit der jetzige Status stabil bleiben würde. Unter Kontrolle halten, war die Devise. Nur, die Untersuchungen sind keineswegs angenehm. Mag ich auch etwas sensibler sein. In meinem Alter sind drei Monate gefühlte drei Wochen. Die Distanz gefiel mir überhaupt nicht.

 

Meine Recherchen führten mich zur Uni-Augenklinik in Tübingen. Dort war man spezialisiert auf diese seltene Augenkrankheit. Gute vier Monate musste ich auf meinen Termin warten. Dann war es so weit. Zweieinhalb Stunden Autofahrt und ich war in der Universitätsstadt. Die Auffahrt zu den nagelneuen Uni-Kliniken war sehr gut beschildert. Sie sind erst 2016 eingeweiht worden! Ich ging durch helle, großzügig angelegte Räume mit bequemen, weichen Stühlen und Sofas. Von der Anmeldung bis hin zu den Ärzten und Laborangestellten fand ich nur freundliches, zuvorkommendes Personal. In vier Stunden hatte ich mein halbes Dutzend Untersuchungen und noch zwei weitere hinter mir.

 

Dann kam das abschließende Gespräch des Oberarztes! (Ich liebe junge Ärzte, am kompetentesten sind sie zwischen 35 und 45 Jahren.) Er klärte mich mit sehr gut verständlichen Worten ohne Umschweife auf: die Retinitis pigmentosa ist an sich schon eine seltene Augenkrankheit. Meine Version ist noch seltener. Im „Normalfall“ beeinträchtigt sich das Gesichtsfeld rundum jedes Auge. Bei mir ist nur ein Teil des Auges, und zwar die äußere Seite betroffen. Deshalb sehe ich mit zwei Augen auch (noch) sehr gut, weil sie sich kompensieren. Was dem einen Auge fehlt, das bringt das andere auf und umgekehrt.

 

Für den Ursprung dieser Seltenheit ist die Sonne verantwortlich! Ja, das kann ich sehr gut verstehen. Seit über zwei Jahrzehnten fehlt dem heißen Planeten der Ozonfilter. Jedoch haben wir Erdenbürger uns nicht sofort damit beschäftigt. Manche tun es ja auch jetzt noch nicht.

 

Die Sonne hat mir in meinem Leben schon öfter geschadet. Vor knapp fünf Jahren musste ich mir ein Basaliom an der rechten Schläfe entfernen lassen. Dieser gutartige Hautkrebs wird von den Sonnenstrahlen ausgelöst. Es hat lange gedauert bis ich mich an die Narbe gewöhnt hatte. (Habe ich das wirklich?) Vor drei Jahren, und hier kommen auch der Laptop und die LED-Lampen mit ins Spiel, bemerkte ich einen kleinen, roten Fleck mitten auf der linken Wange. Zunächst dachte ich wieder an ein Basaliom und war schon sehr beunruhigt. Dann stellte sich heraus, dass es sich um einen „Lichtschaden“ handelte. Ich bin demzufolge leider sehr anfällig dafür.

 

Nachdem dieser technische Teil der Diagnose abgeklärt war und mir auch versichert wurde, dass ich in absehbarer Zeit keineswegs um meinen Führerschein bangen muss, (wie es mir andernorts beinahe kategorisch verordnen worden war) kam die nächste Überraschung: ich saß dem ersten deutschen Arzt gegenüber, der sich mit mir über Ernährung unterhielt! Das ist mir bisher noch nicht vorgekommen! In der Vergangenheit hatte ich zwei Augenärzte direkt daraufhin angesprochen und negative Antworten erhalten. Hier hörte ich begeistert zu! Viel buntes Gemüse, wenig Fleisch, und viel Fisch, weil OMEGA-3 superwichtig für die Augen ist. Und bitte nicht mehr ohne Sonnenbrille und breitkrempigem Hut aus dem Haus, wenn draußen die Sonne scheint. Ich habe in meinem Leben schon immer Sonnenbrillen getragen, jedoch waren die Seitenbügel gerne sehr dünn. Das muss ich nun ändern.

 

Das sind doch mal vernünftige Ratschläge, mit denen ich viel mehr anfangen kann, als mit „es gibt noch keine Tabletten für ihre Krankheit“.

 

Am Ende kam noch ein kleines Sahnehäubchen: wir würden eine Kontrolle in ZWEI JAHREN wieder ansetzen! Demnach waren die drei, vier Monate der anderen Augenklinik nichts anderes als Arbeitsbeschaffung. Selbstverständlich werde ich wieder nach Tübingen fahren! Auch wenn bis dahin höchstwahrscheinlich neue Ärzte die Untersuchungen und Gespräche vornehmen werden. Ein Grund mehr, auf immer frische Gehirne vertrauen zu können. Wenigstens sehe ich das so.

 

Deshalb stelle ich meinen Laptop auch tagsüber auf „Night Shift“. Dadurch werden die blauen Strahlen leicht gelblich. Dieser Zustand ist idealer für die Augen, besonders bei langfristigen Arbeiten. Bei meiner Ernährung muss ich nicht viel umstellen, da ich seit meiner Zeit in Italien ohnehin viel lieber Fisch als Fleisch und Wurst esse. Da die Ursache meiner Erkrankung von äußeren Einflüssen abhängt, die ich regeln kann, werde ich auch das Nötige veranlassen.

Ich bin auf jeden Fall erleichtert.

Vielen Dank, Tübingen!

 

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