Die Gedanken begleiten uns ein Leben lang

 

 

 

Sobald unsere winzigen Hände etwas fassen können, bekommen wir Spielsachen in die Hand gedrückt. Und bald entscheiden wir selbst, welche Gegenstände wir lieber in der Hand halten. Dabei geht es nicht um die übliche Frage: ein Buch oder ein Smartphone? Viele Menschen übertragen ihre Gefühle gerne auf Objekte, die sie sammeln oder denen sie die Aufgabe zukommen lassen, sie in der Zukunft an etwas zu erinnern. Jedoch haben Gegenstände einen kleinen Nachteil: sie verschwinden gerne, ohne sich zu verabschieden.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Ringe fließen leicht den Abfluss hinunter. Auch Einbrecher und Straßendiebe haben sich schon mehrmals bei mir sehr gut bedient. Meine zahlreichen Umzüge (ich habe schon lange aufgehört zu zählen) brachten mich immer wieder vor wichtige Entscheidungen: Brauche ich das noch? Will ich das in die nächste Wohnung mitnehmen? Und so manches verlieren wir einfach auch.

 

Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, vielleicht Freud oder ein anderer Psychoanalyst:

 

Wenn du etwas verlierst, war es dir nicht besonders wichtig.

 

Dazu benötige ich keinen unbedachten Moment. Es ist schon unglaublich, wie viele Regenschirme ich einfach stehen ließ, weil es draußen nicht mehr regnete und ich diese Dinger ohnehin sehr lästig finde. Und wie viele habe ich gekauft, weil ich vom Regen überrascht wurde?

 

Ja, Gegenstände können Sammlerherzen höher schlagen lassen. Aber sie können auch einfach kaputt gehen. Und man wirft das unnütz gewordene Ding einfach weg. Oder man verkauft etwas, dass man nicht mehr braucht, dessen Zeit vorübergegangen ist und man es mit einem modernen Modell austauschen möchte.

 

Gegenstände kommen und gehen.

 

 

 

Auch Menschen begleiten uns oft nur für eine Weile.

 

Wer kann sich wohl noch an seine „Sandkastenfreunde“ im Kindergarten erinnern? Aber auch die ersten Banknachbarn in der Grundschule sind wohl kaum im Gedächtnis geblieben.

 

Dann schon eher die Abschlussklasse, die alle runden Jahrzehnte mit Einladungen lockt oder nervt. Ich war nur einmal dabei. Nein, danke. Geht ruhig euren eigenen Weg.

 

Nach den Kommilitonen sind es die Arbeitskollegen. Oder Mitarbeiter, sobald man sich selbstständig macht. Auch sie kommen und gehen aus den verschiedensten Gründen. Selbst Geschäftspartner begleiten uns nur auf einer mehr oder weniger langen Strecke unseres Lebens.

 

Ich hatte nicht das Glück, langjährige Freunde zu finden. Mein Berufsleben war voller Neid und Eifersucht gewesen. Auch damit lernte ich schnell, zurechtzukommen.

 

Lieber beneidet als bemitleidet!

 

 

 

Da schaue ich mir lieber meine schon fast antiken Erinnerungsbücher an. Damit meine ich das Hochzeitsalbum mit den professionellen Fotografien in Großformat und unseren Fotos aus dem Flitterwochenende. Für mehr hatten wir keine Zeit gehabt und auch haben wollen. Natürlich habe ich noch ein Album mit Schwarz-Weiß-Fotografien aus meiner Kindheit. Später kamen weitere Alben dazu. Bis 2006 hatte ich mein Leben mit gedruckten Bildern in großformatigen und aufwendigen Fotoalben dokumentiert. Dann erst kam ich zu einer Digitalkamera.

 

Diese Fotos sollen angeblich nicht verblassen. Vielleicht „verpixeln“ sie sich irgendwann in einem Computer, der die alten Pixel nicht mehr erkennen kann. Ich muss jedoch zugeben, dass ich so viele „Ordner“ öffnen kann wie ich will. Und auch jedes Foto mit einem Titel versehen kann. Aber, diese digitale Registrierung meiner Fotografien ähnelt immer mehr einem Chaos, in dessen Labyrinth, trotz Jahresdaten, ich kaum noch bestimmtes Foto finde, wenn ich nach ihm suche.

 

 

 

Nur Erinnerungen bleiben in unserem Geist erhalten. Unser Gehirn hat so viele unzählige Zellen, die enorm viele Szenen und Erlebnisse und Gesichter und Gegenstände und Orte und Namen und Daten aus unserem Leben festhalten und speichern. Irgendwann können wir sie abrufen oder aber sie überraschen uns. Manchmal auch in Situationen, in denen wir das gar nicht möchten. Besonders, wenn es sich um negatives Material handelt.

 

Je älter man wird, desto besser funktioniert dieses Langzeitgedächtnis. Ich kann mich heute an so manches erinnern, dass in meinen dreißiger Jahren überhaupt nicht präsent gewesen ist. Diese Erinnerungen, die wir abrufen können, wenn wir sie brauchen, die bleiben. Der Volksmund will sie „im Herzen tragen“, aber ich suche sie lieber eingepflanzt auf meinem Memory Lane. Ich habe sehr starke Bilder in meinem Kopf, die ich nicht mehr missen möchte.

 

Nur zwei Beispiele: Die seltenen Momente, in denen ich mit meinem Vater als ganz kleines Mädchen spielen durfte. Und die einzigen beiden Fotografien, die ich von meinem Großvater immer in meiner Geldbörse mit mir trug, bis mir diese, zusammen mit der Handtasche, entrissen worden ist.

 

In meinem Leben musste ich auf so viele Sachen verzichten, weil gestohlen, weil verloren, weil nicht mehr möglich, weil...

 

Deshalb habe ich gelernt, meinen Memory Lane zu pflegen, ihn stets gut mit Wasser und Sauerstoff und den wichtigsten Vitaminen zu versorgen. Denn nur bei guter Gesundheit kann mein Gedächtnis dort spazieren gehen, wenn ich traurig bin, wenn ich eine schöne Erinnerung noch einmal aufleben lasse, wenn ich eine Inspiration für meine Romane benötige und etwas einfließen lassen möchte, dass ich kenne. Es ist immer besser, man schreibt von Dingen und Situationen, die man gut kennt.

 

Kennt ihr die verzweigten Wege auf eurem Memory Lane?

 

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