Mein Januar mit Dickens

 

 

 

 

Januar ist der eigentliche Monat der Besinnung.

Wenn die rauschenden Feiern vorüber sind. Wenn der Konsumstress und die anstehenden Verpflichtungen (die meisten Versicherungen fallen stets in diesem Monat an) die Konten geleert haben. Dann spüren so manche eine harte Bremse.

 

Schnee und Eis decken ohnehin viele Gegenden zu. Der unruhige Alltag bleibt in der eisigen Luft hängen. Frostige Kälte und leere Geldbeutel bestimmen den spärlichen Verkehr auf den Straßen, erklären die wenigen Kunden in den Läden. Selbst die Wochenmärkte bleiben auf ein Minimum reduziert.

 

Dieses Jahr kuschelte ich mich bewusst in diese nahezu lautlose Atmosphäre. Ich musste mich wieder etwas beruhigen. Mein Dezember ist sehr hektisch und voller Adrenalinschübe gewesen. Ich hatte große Sorgen innerhalb der Familie gehabt, die mich voll in Anspruch genommen hatten. Draußen war es nicht viel besser gewesen. In den Wochen vor Weihnachten dreht nicht nur der Verkehr, sondern auch so mancher Mensch durch. Die Adventszeit ist seit Jahrzehnten die stressigste Konsumzeit des Jahres.

 

Wobei ich mich überhaupt noch nie davon involvieren ließ. Mein Mann und ich haben eine sehr pragmatische, aber auch reizvolle Abmachung. Geschenke gibt es bei uns nicht zu bestimmten Kalendertagen. Viel zu anstrengend! Nein, wenn wir etwas entdecken, was dem anderen eine Freude bringen könnte, oder was er schon lange gesucht hatte, dann gibt es bei uns die schönsten Überraschungen. Das passt viel besser als ein hastig gekaufter Blumenstrauß zu einem der konventionellen Jahrestage!

 

Dennoch war ich sehr überrascht, wie ruhig sich der Januar angehen ließ. Ich habe in diesem Monat ein Buch gelesen, das für mich zu einer Herausforderung wurde. Es handelte sich um die italienische Übersetzung des

Pickwick Club von Charles Dickens.

Heute ein Klassiker. Ich liebe die Sprache des 19. Jh. Den Autor kannte ich bereits sehr gut. Seine großen Werke hatte ich alle schon gelesen. Nun war mir dieses dicke Buch in die Hand gekommen. 937 Seiten! Auf Seite 17 bekam ich die ersten Zweifel.

The posthumous papers of the Pickwick Club

war das erste Buch, das Charles Dickens veröffentlicht hatte. Es ist nicht unbedingt ein Roman im herkömmlichen Stil. Vielmehr war es die Zusammenfassung der periodischen Geschichten, die Dickens für eine Zeitung verfasst hatte. Nicht immer ist das erste Werk eines Schriftstellers sein bestes. So hatte ich einige Mühe, mich in diese dicht beschriebenen Seiten einzulesen. Ich konsultierte sogar eine Facebook-Gruppe, die sich auf klassische Literatur konzentriert. Einige wenige waren meiner Meinung. Doch die Mehrheit feuerte mich an, weiter zu lesen. Bis zur Seite 50 gebe ich ohnehin jedem Buch eine Chance. Ich tat es auch mit diesem. Und ich habe es nicht bereut. Natürlich findet man einige Passagen, die man am liebsten „scrollen“ möchte. Aber ich blieb hart und las auch die weniger schönen Absätze. Besonders die Zeit, in der Mr. Pickwick, die Hauptfigur, in einem Gefängnis verbrachte. Eine sehr skurrile Angelegenheit. Natürlich war ich bald eingefangen von dem trockenen, englischen Humor, den ich über alles liebe. Ebenso die detailgetreue Beschreibung des täglichen Lebens. Kleidung, Essen, Getränke, Manieren. Unzählige Figuren tummelten sich auf den neunhundert Seiten. Jedes Mal, wenn ich dachte, eine gewisse Gruppe von Personen wäre nun entfernt worden, wurde ich einige Kapitel später eines besseren belehrt. So abrupt wie sie verschwunden waren, so plötzlich und unerwartet tauchten sie auch wieder auf. Genauso wie bei Agatha Christie, muss man auch hier sehr gut aufpassen, will man die Übersicht über die einzelnen Individuen nicht verlieren. Sehr angenehm fand ich am Ende die Resümees der diversen Figuren und was aus ihnen geworden ist. Keine Angst, es gibt keine Spoiler-Gefahr. Am Ende hatte ich beinahe das Gefühl, die einzelnen Geschichten wären „wahren Begebenheiten“ zugrunde gelegt gewesen. Das kennt man doch vom Abspann der Filme, deren Inhalt wirklich stattgefunden hatte.  

 

So schloss ich das Buch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Und der Gewissheit, dass auch die großen Klassiker einmal ein erstes Buch geschrieben hatten, das vielleicht nicht unbedingt schon der Grandezza ihrer Meisterwerke entsprach.

 

Eines muss ich noch gestehen. Gegen Ende des Buches mehrten sich auch hier immer öfter kleine Druckfehler. Hier fehlten Buchstaben, dort tauschten sie die Plätze. Bei einem Klassiker hätte ich so viele kleine Fehler nicht erwartet!

 

 

 

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