Rassismus ist kein Alibi

 

 

 

Es war ein Tag wie viele andere. Irgendwann zu Beginn dieses Jahrtausends. Wir waren in Mailand unterwegs, mein Mann und ich. Die Gehsteige sind eng in der Innenstadt. Die Fußgänger drängen sich aneinander vorbei, stets bedacht, nicht auf die Fahrbahn zu gelangen. Wer stehen bleibt wird mit einem kritischen Blick bestraft. Manchmal stehen Angehörige der Zeugen Jehovas herum und bieten stumm ihre Schriften an.

 

Dieses Mal war es kein Mitglied einer religiösen Sekte, sondern ein junger, schwarzer Mann mit cleveren Augen. Ich fand es trotzdem kurios, dass er kleine Büchlein anbot, die über Afrikas Notlage aufklären sollten. Oder ähnliches. So schnell konnte ich nicht alles im Vorbeigehen erfassen.

 

Meine Augen lesen (unbewusst) alles, was sie irgendwie wahrnehmen. Diese Angewohnheit begleitet mich schon mein Leben lang und wird mich kaum mehr verlassen. Egal, ob Werbeplakate, Straßenschilder oder sonstige Tafeln auf denen Buchstaben vorkommen. Ich lasse nichts aus, auch wenn mein Gehirn es, in den meisten Fällen, sogleich wieder aussortiert.

 

Vielleicht war mein Blick etwas zu lange auf dem Cover des kleinen Buches hängengeblieben, obwohl wir eigentlich zügig vorübergingen. Wie dem auch sei, der junge Mann witterte eine imaginäre Neugierde und ging auf mich zu. Sein holpriges Italienisch wollte ich gar nicht verstehen. Ich lehnte höflich dankend ab. Er versuchte es noch einmal. Ich wiederholte meine Ablehnung mit einem schnellen Lächeln, drehte mich um und wollte das Gespräch mit meinem Mann wieder aufnehmen. Da hörte ich eilige Schritte, die mir folgten, und den bösen Ruf: „Du bist ein Rassist!“

 

Das konnte ich nun doch nicht dulden lassen. Die vorbeieilenden Passanten drehten die Köpfe in die Richtung des improvisierten Straßenverkäufers. Die ersten Neugierigen blieben stehen. Ich auch. Abrupt drehte ich mich nach dem jungen Afrikaner um und sah ihm tief in seine pechschwarzen Augen. Ohne die Stimme zu heben, antwortete ich ruhig, aber mit einem strengen Unterton: „Da liegen Sie völlig falsch! Ich bin kein Rassist! Mir ist es komplett egal, ob Sie weiß, schwarz oder gelb sind. Ich mag es nur nicht, wenn man mich auf der Straße bedrängt!“

 

Schon bei meinen ersten Worten war der junge Mann ein paar Schritte zurückgewichen. Sein Blick war nicht mehr aggressiv, sondern beinahe verwirrt. Er hatte jedes meiner Worte verstanden. Vor allem wird ihn überrascht haben, dass ich ihn mit „Sie“ angesprochen hatte. Das war ihm wohl noch nicht oft vorgekommen. Es liegt aber in meiner Natur. Man sollte jedem Menschen erst einmal mit Respekt entgegenkommen.

 

Ein guter Freund unserer Familie hatte mich einmal darauf aufmerksam gemacht, dass „man sich wunderbar freundlich siezen kann, sich aber andererseits auch distanziert und kühl duzen kann.“

 

Mein Mann und ich gingen weiter und ließen große Augen und einen offenen Mund zurück. Die paar Neugierigen nahmen ebenfalls ihren Weg wieder auf. Aus meinen Augenwinkeln konnte ich sehen, dass einige lächelten, andere ebenso verwunderte Blicke hatten wie der junge Afrikaner. Ich hoffte in meinem Inneren, dass er sich wenigstens ein paar Gedanken machen würde.  

 

Dieser empfindsamen Aggressivität bin ich öfters begegnet. In Italien, aber auch hier in Deutschland. Sie zeugt von Hilflosigkeit und Angst. Lieber gleich angreifen, anstatt sich immer nur verteidigen müssen. Aber manche nehmen den Rassismus auch als Alibi für ihre Ignoranz. Das ist nicht gut.

 

Heute wird Rassismus gerne auf die Hautfarbe, Religion oder gar das Geschlecht erweitert. Jedoch liegt sein Ursprung in der Vielfalt der Völker, die sich auf diesem Planeten tummeln. Die daraus entstehenden Mentalitäten bestimm(t)en eine Rasse. Zwischen den verschiedenen Rassen gab es immer wieder welche, die es sich herausnahmen, den anderen überlegen sein zu wollen. Ein grober Fehler! Inmitten der heutigen Globalisierung und Völkervermischung muss man sich schon bemühen, um die „typischen“ Charakteristiken einer Volksgruppe noch herauszufinden. Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, wenn der Begriff „Rassismus“ mit „Diskriminierung“ gleichgesetzt wird. Das ist eine völlig falsche Einschätzung.

 

Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern und Großeltern waren Deutsche. Aber mit 18 Jahren bin ich ausgewandert. Zunächst ging es an die französisch-schweizerische Grenze. Drei Jahrzehnte lang habe ich in Italien gelebt. Zwischendurch auch in Frankreich und England. Diese beiden Länder wurden zu einem roten Leitfaden, der mein Leben mit zahlreichen Reisen und mehr oder weniger längeren Aufenthalten prägte.

 

Im Laufe der Zeit konnte ich sehr viele Mentalitäten kennenlernen. Vieles habe ich in mir aufgesogen, sodass ich mich heute nicht mehr als „typische“ Deutsche (was immer das noch sein soll?) identifizieren kann. Verheiratet bin ich mit einem Italiener.

 

Beruflich wie privat lernte ich eine Vielfalt an „Rassen“ kennen: Franzosen, Schweizer, Italiener, Marokkaner, Ägypter, Iraner, Afghanen, Türken, Amerikaner, Briten, Iren, Russen, Norweger. Dazu kamen die verschiedensten Religionen mit ihren diversen Variationen: Christen, Adventisten, Orthodoxen, Muslime, Juden, Hindus, Buddhisten. Die Mehrzahl von dieser Aufzählung waren Mitarbeiter, Geschäftsfreunde, Kunden gewesen.

 

Während meiner ehrenamtlichen „Schularbeit“ hier in Deutschland betreute ich Schüler und Schülerinnen aus Syrien, Afghanistan, Griechenland, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Polen und der Türkei.

 

Es war nicht immer einfach, mit so unterschiedlichen Menschen zu arbeiten. Doch das hat in mir nur dazu beigetragen, meine Toleranz zu erweitern und Tabus zu beseitigen, noch bevor sie sich entfalten können. Ich bin jeder Kultur, jeder Rasse, jeder Mentalität dankbar für die Lehren, die sie mir gebracht hat. Wenngleich einige davon sehr negativ gewesen sind. Sie gehören dazu. Auch wenn sie oft von einer Richtung kommen, aus der man sie nie erwartet hätte.

 

Toleranz und Respekt würden die einzig wertvolle Emulsion bilden, die uns gut zusammenhalten könnte. Leider muss ich den Konditional benutzen. Denn, die Realität sieht anders aus...

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0