Wölfe sind friedliebender als Menschen

 

Eines Tages stand Diana im Eingangsbereich meiner Küche. Ihre Augen waren erfüllt von einer Bitte. Vorsichtig ging sie zur Seite. Sie hatte einen neuen Freund mitgebracht. Ich hielt die Luft an. Ein großer schwarzer Dobermann kam zögernd näher. Vor lauter Schreck bemerkte ich nicht, wie verlegen er war. Und wie verhungert. Diana sorgte für Ruhe. Ihre Augen hätten Bücher füllen können.

 

Es blieb mir nichts anderes übrig. Ich verdoppelte ihre Mahlzeit und wurde zur besten Freundin von ... Vagabondo. So hieß ihr neuer Liebhaber. Er gehörte zu einer Dame, die im Chalet gegenüber wohnte, jedoch oft auf Reisen war. Vagabondo war nicht aggressiv, aber auch nicht zutraulich. Er führte nur sein eigenes Leben. Wie sein Namen treffend darauf hinwies.

 

Es war Paarungszeit. Deshalb hatten die beiden auch diesen Riesenhunger. Im Anwesen der Schlossanlage wohnten fast dreißig Familien. Über die Hälfte davon hatten Hunde. Der lockende Geruch füllte die Luft. Nicht für die Menschen, aber umso mehr für die Hunde.

 

Diana war irgendwann einfach dazu gekommen. Keiner konnte sie mit einer Schäferhündin verwechseln. Sie war eine reine Wölfin. Aus welchem Grund auch immer sie sich unter Menschen und Hunde gewagt hatte, blieb uns verschwiegen. Keiner wusste von wem sie wann ihren Namen bekommen hatte. Er schien ihr zu gefallen, denn sie reagierte auf ihn.

 

Eine Weile wohnte Diana bei mir. Es ist eine wunderbare Zeit gewesen. Ich hatte eine nette Zweizimmer-Wohnung im ersten Stock einer der zahlreichen Nebengebäude innerhalb der Schlossanlage. Diana lag gerne auf dem alten Steinboden vor dem Kamin. Aber wehe, jemand kam die Treppe hoch. Zuerst spitzte sie nur die Ohren und hob ein wenig ihren Kopf. Dabei beobachtete sie meine Reaktion. Näherten sich die Schritte meiner Eingangstür saß sie mit einem lautlosen Satz in Sekundenschnelle hinter der Tür in wacher Wartestellung. Ich habe sie nie bellen hören! Verliefen sich die Schritte in einer anderen Wohnung kam sie zurück zum Kamin und döste weiter. Ich glaube nicht, dass sie je einen Tiefschlaf genossen hat.

 

Diana war sehr klug, beinahe weise. Aber auch sehr sensibel und empfindsam. Nur eines war sie nicht: treu. Deshalb störte sich auch niemand daran, wenn sie ein paar Tage nicht auftauchte, oder die Wohnung wechselte. Sie holte sich eine warme Mahlzeit, ein bisschen Gesellschaft und verschwand wieder. Ich hatte wohl das Privileg, zu ihren engeren Freundschaften zu gehören. Bei mir hatte sie auch die längste Zeit verbracht.

 

Ich hatte sie schon wochenlang nicht mehr gesehen. Der Hausmeister hatte sie ab und zu mal im Schlosspark entdeckt. Aber auch er durfte ihr nicht folgen. Gegen ihre gewohnte Zuneigung ließ sie die Zähne fletschen, wenn er es auch nur versuchte. Als er mich dazu rief, sah auch ich Diana das erste Mal aggressiv mir gegenüber. Sie sprang nicht auf uns zu, aber sie gab uns deutlich zu verstehen, ihr nicht zu folgen. Ich respektierte das, denn ich hatte ihr schon in die Augen gesehen und dabei gesagt, dass ich mir denken könnte, sie war schwanger. Das wird sie wohl verstanden habe.

 

Eines Tages kratzte sie an meiner Eingangstür. Sie hatte ein kleines Knäuel zwischen den Zähnen, das leise wimmerte. Erst in meiner Wohnung ließ sie es los. Das kleine Welpchen verbreitete vor Aufregung eine gehörige Portion Flüssigkeit auf den flachen Korkboden im Eingang. Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es selbst nicht glauben. Diana sprang sofort auf den Kleinen, stupste ihn auf seine Pfütze zu und gab ihm einen kräftigen Stoß mit der Schnauze, dass er leise aufheulte. Ich stand staunend daneben. Das war Diana. Keiner kann mir erzählen, dass Tiere nicht untereinander kommunizieren!

 

Sie hatte den Kleinen wochenlang im Park versteckt. Das hatte einen sehr traurigen Grund gehabt. Ihr erster Wurf mit dem Dobermann, sechs kleine Welpen, waren von einem grausamen Tierarzt auf der Stelle getötet worden. Und das vor ihr, der schwachen, hilflosen Wölfin, die gerade ihre sechs Babys auf die Welt gebracht hatte! Sechs Zeugen ihrer glücklichen Vereinigung, denn auch Hunde verlieben sich! Nicht nur in den Geruch, der sie dazu bewegt. Diana und Vagabondo waren wochenlang unzertrennlich gewesen. Doch die Herrin von Vagabondo hatte keine gekreuzten Mischlingshunde gewollt.

 

Nach dieser gemeinen Demütigung hatte Diana beim zweiten Wurf nur ein einziges Welpchen zur Welt gebracht. Und natürlich vor den Menschen versteckt bis es soweit war, dass es auf eigenen Füßen stehen konnte. Dann erst hatte sie es zu mir gebracht. In mir hatte sie großes Vertrauen gehabt. Sie wusste ihren Sohn in guten Händen. Es war für mich ein sehr bewegender Augenblick gewesen. Für Diana waren damit ihre Mutterpflichten erfüllt.  Wenige Tage später war sie verschwunden, aber diesmal kam sie nicht wieder zurück.

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0