Das Leben im Standby

 

 

 

Geduld ist, wenn man trotzdem wartet. Es bleibt auch keine andere Alternative. Man ist zu schwach zum Laufen. Man ist zu wach zum Stillhalten. Der Rollstuhl bewegt sich nicht. Der Pfleger hatte wohl die Bremsvorrichtung eingelegt. Niemand ist weit und breit. Der kurze Flur ist spartanisch möbliert. Nur ein paar Stühle für wartende Patienten. Nur ein paar undefinierbare Drucke an der Wand. Durch ein internes Fenster sieht man eine Büroangestellte.

 

Klingende Geräusche öffnen den Fahrstuhl. Jemand steigt aus, sieht sich um, bleibt stumm, geht in die andere Richtung.

 

Der Patient hat Durst. Aber niemand kommt und bringt ihm ein Glas Wasser. Es ist warm und trocken. Bald spürt er die Temperatur nicht mehr. Draußen, vor dem großen Fenster, wütet ein stürmischer Wind.

 

Sein Körper ist betäubt, scheint keine Schmerzen mehr zu kennen. Die breite Tür vor ihm öffnet sich. Ein kleines, unscheinbares Mädchen ruft seinen Namen auf. Er reagiert. Doch, als sie sich wieder zur Türe umdrehen will, wird seine Stimme laut und kräftig: „Helfen Sie mir! Bitte! Wie bewege ich dieses Ding?“

 

Den Bruchteil einer Sekunde lang zögert sie. Letztendlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihm zu helfen. Man spürt, dass es nicht zu ihren Aufgaben gehört. Jedenfalls lässt sie es spüren. Sie ist kaum größer als der Patient im Rollstuhl. Letztendlich löst sie die Bremsvorrichtung und fährt ihn durch die große, breite Tür, hinein in ein Zimmer ohne Außenwelt. Die Vorhänge sind zugezogen. Sobald er sich auf der Liege befindet, geht auch noch das Licht aus. Nur die bunten Knöpfe des Ultraschallgerätes leuchten in ihren pastellenen Farben. Gelb, Orange, Hellgrün, Hellblau, Weiß.

 

Wirre Schwaden in verschiedenen Grautönen rasen über den kleinen Bildschirm. Das klebrige, eiskalte Gel auf dem Bauch dämmt die unangenehme Kraft nicht ab, mit der die zierliche Figur das Gerät auf die Organe drückt. Hin und wieder sieht man ein schwarzes Loch auf dem Monitor. Vielleicht ein Ausgang? Oder ein Eingang? Zu einem Tunnel? Zum Darm? Keine Ahnung! Die junge Frau schweigt, drückt weiter mit aller Kraft auf den Bauch des Patienten und schmiert ihn noch einmal voll mit dem eiskalten, glitschig-ekligen Gel. Sie spricht nur wenige Worte. Zu ihrem Vorgesetzten ist sie weitaus eloquenter. Der Chefarzt bemüht sich um vorsichtige Worte.

 

„Die wichtigen Organe im Bauch sind altersmäßig in Ordnung.“

 

„Was heißt „altersmäßig“? Entsprechen sie meinem Alter? Sind sie verbraucht? Wie lange werden sie mich wohl noch aushalten?“, denkt sich der Patient, während er scheinbar geduldig zuhört.

 

Der „innere Fahrdienst“ kommt und holt ihn ab. In einem rasend schnellen Tempo geht es wieder in den Aufzug, eine Etage höher, durch einen, zugegeben freundlich gestalteten, aber unglücklich langen Tunnel, der die beiden Hauptgebäude verbindet. Noch einmal in den Aufzug, eine Etage tiefer. Und wieder ins Zimmer, dessen offenes Fenster den Verkehr am Fuße des Hügels hochkommen lässt. Ein ständiges Geräusch, dass der Welt entnommen wird und mitteilen soll, dass der Patient irgendwie noch zu dieser Welt gehöre. Auch wenn sein Leben sich in einem Standby-Modus befindet.

 

Die Tage ziehen sich länger hin als draußen eine Woche. Die Uhr im Zimmer hat zwei große Zeiger, die sich im gefühlten Zeitlupentakt bewegen. Der kleine Zeiger (für die Sekunden) scheint nur irgendwie rastlos hinterher zu rasen. Nur der Tropfen aus dem Infusionsbeutel hat einen gleichmäßigen Rhythmus. Die Arme und Hände sind gelöchert von den vielen Einstichen. Mal auf dem Handrücken. Mal in der Armbeuge. Mal ist es der rechte Arm. Dann kommt der linke dran. Mag wohl dazu gut sein, am Ende eine gewisse Balance zu bekommen. Oder liegt es an den vielen Blutabnahmen, den unzähligen intravenösen Antibiosen, den mysteriösen Infusionen. Letztere tropfen eine transparente Flüssigkeit aus großen Plastikbeuteln, deren Inhalt keiner so recht erklären will. Oder kann? Oder soll?

 

Der Patient will aufstehen. Seine Waden sind weicher als Wackelpudding. Die Haut scheint einen Cellulitisanfall gehabt zu haben. Er will seine Muskeln stärken. Er will hier raus! Das Essen ist grauenhaft! Die Luft ist schwer! Die Unerträglichkeit schlägt sich mit der Geduld.

 

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