Neunzig Minuten ohne Strom

 

 

 

Die Led-Lampe über dem Esstisch zuckte kurz. Bevor ich einen Gedanken dazu fassen konnte, war sie erloschen. Kein Knacksen hatte sich bemerkbar gemacht. Wie es häufig der Fall ist, wenn die Sicherungen herausfallen. Ich ging in den Eingang. Das Licht blieb aus. Eigentlich wollte ich den Elektrokasten checken. Da fiel mir auf, dass ich auch nicht mehr das Radio aus dem Nachbarhaus hörte. Es war nicht zu laut gewesen. Aber jetzt war es plötzlich still. Die ersten Nachbarn gingen auf die Straße und fragten, ob bei den anderen auch der Strom ausgegangen war. Bald wurde bekannt, dass die ganze Stadt ohne Elektrizität war.

 

Es war Samstagmittag. Die Geschäfte voller Kunden. Licht aus. Türen zu!

 

Ich vollzog blitzschnell Inventar im Kühlschrank. An das volle Gefrierfach wollte ich überhaupt nicht denken. Aus dem dunklen Kühlschrank holte ich den Chicoréesalat, die restlichen Fleischpflanzerl von gestern Abend, die wir ohnehin bevorzugt kalt essen. Dazu legte ich noch so einiges, was im Kühlschrank vorhanden war.

 

„Das Abendessen zu Mittag“, resümierte meine Mutter, als sie den gedeckten Tisch betrachtete.

 

Ich lächelte amüsiert.

 

„Möchtet ihr auch ein weiches Kerzenlicht?“, fragte ich in die Runde. Mein Mann winkte ab. Die Sonne tat ihr Bestes.

 

Zum Obst holte ich etwas Eis dazu. Schließlich wusste ich noch nicht, wie lange der Strom wegbleiben würde. Vielleicht gab es einen derartigen Notstand, dass wir alles aus dem Gefrierfach nehmen mussten. Daran wollte ich noch nicht denken.

 

Unser Tischgespräch war dementsprechend tiefsinnig. Was fehlt uns nun?

 

Es gab keinen Kaffee. Die Heizung blieb aus. Das Telefon blieb still.

 

Wir konnten nichts auftauen. Weil das Brot nicht genügend vorhanden war, hatte ich einige Scheiben aus dem Gefrierfach genommen und in die Sonne gelegt. Funktioniert immer! Hier in Deutschland dauert es vielleicht etwas länger als damals in Italien.

 

In der fensterlosen Toilette hatte ich zwei Kerzen aufgestellt. Eine über der Toilette und eine am Spiegel. Damit man zielbewusster ... Hände waschen konnte.

 

Internet war nicht mehr angesagt. Lieber Akku sparen. Denn, Handys und Laptop konnten nicht mehr aufgeladen werden.

 

Das Essen war vorüber. Sollen wir sofort alles abspülen, oder doch erst einmal den Geschirrspüler einräumen? Irgendwann muss der Strom ja wieder zurückkommen! Wir können ohne ihn doch nicht mehr leben!

 

Noch bevor die Diskussion zu Ende philosophiert werden konnte, war die heißgeliebte, unersetzliche, lebens(dringend)notwendige Elektrizität wieder vorhanden!

 

Mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen widmeten wir uns erneut unserem ganz normalen, stromverzehrenden Alltag wieder. Der Schock war zu kurz, um sich ernsthaft Sorgen zu machen. Jedoch wäre es eine tiefsinnigere Überlegung wert. Wie sehr haben wir uns von dieser, durchaus nicht selbstverständlichen, Energiequelle abhängig gemacht?

 

 

 

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