Karfreitag zwischen Religion und Glauben

MJ Todd
MJ Todd

 

 

 

 

Die Woche zwischen Palmsonntag und Ostersonntag wird von vielen Christen „Karwoche“ genannt. Einige katholische Länder erheben sie sogar zur „heiligen Woche“. Wie auch immer, diese Tage sollten dem Fasten und der Meditation gewidmet sein. Aber, wer tut das heute noch?

 

Die kontinuierlichen Verbindungen der verschiedensten Ethiken aus allen Ländern haben auch die Religionen erreicht. Irgendwann stellt man fest, dass Gott immer der gleiche ist. Nur seine Namen ändern sich. Die Regeln des Glaubens sind ursprünglich individuelle Richtlinien für die frommen Menschen gewesen. Je nach Ursprung und Mentalität wurde dies verboten und jenes vorgeschrieben. Das tat gut und wirkte auch.

 

Durch die Globalisierung der letzten Jahrzehnte vermischten sich die Völker und ihre Religionen erneut. Es war nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit! In der einen Glaubensrichtung wüten Fanatiker. In der anderen überzeugt die Weisheit. Und bei manchen wird alles etwas gleichgültiger gesehen.

 

Christen sind davon am häufigsten betroffen. Das sieht man bei jedem Feiertag und natürlich auch in der Fastenzeit. Eigentlich ist letztere von Aschermittwoch bis Ostersonntag angesetzt. Schnell reduzierte sie sich auf die Karwoche. Und auch in diesen wenigen Tagen wird kaum noch wirklich gefastet. Das letzte Mal, als ich bewusst das harte Fasten gesehen hatte, war im Film Chocolat gewesen. Ein ausgezeichneter (Film)Genuss mit einer großartigen Juliette Binoche und einem wunderbar charismatischen Johnny Depp.

 

Zielstrebiges Fasten für einen ersehnten Gewichtsverlust ist ein leidiges Thema, dem man sich das ganze Jahr über widmen kann. Das religiöse Fasten, bei dem auch der Geist mit einbezogen werden sollte, erreicht kaum noch einen größeren Anhang ... unter den Christen, wohlgemerkt!

 

Ich kann mich an fromme Frauen erinnern, die mich als Kind faszinierten, weil sie am Karfreitag während des Gottesdienstes aufrichtige Tränen geweint hatten. Sie fühlten mit einem Mann, der für sie extreme Schmerzen auf sich genommen hatte und daran gestorben war. So hatten sie es von ihren Pfarrern und vielleicht auch von ihren Eltern gehört und gelernt und in sich aufgenommen. Sie dankten diesem Mann, den sie Jesus Christus nennen.

 

Ich muss gestehen, dass ich schon seit langen Jahren keinen Gottesdienst mehr besuche. Der Karfreitag war in meinem Berufsleben stets ein normaler Arbeitstag gewesen. Ich lebte im tiefkatholischen Italien. Ein Land, das den Vatikan „beherbergt“. Und doch hatte die damalige, sozialistische Regierung, in den 1980er Jahren, sehr viele Feiertage abgeschafft, damit mehr gearbeitet wurde. Es gibt in Italien kein Christi Himmelfahrt, kein Pfingsten und eben keinen Karfreitag. In meiner protestantischen Erziehung war dies der höchste, religiöse Feiertag gewesen.

 

Meine weitere Lebenserfahrung hat mich immer mehr von der Kirche getrennt. Den Glauben an eine überirdische Macht habe ich nie verloren. Ich habe meine eigenen Rituale kreiert. Dazu gehörte ein Konzert zu Karfreitag, das jedes Jahr im Mailänder Auditorium aufgeführt wird.

 

Die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach.

 

Dieses Werk ist ein Meisterstück. Seine wunderbare Musik, holt unsere Gefühle aus den verstecktesten Winkeln der Seele heraus. Sie erzählt auf wunderbare Weise die Leidensgeschichte Jesus’. Ihre durchdringenden Lieder erinnerten mich an die Gottesdienste meiner Kindheit. Sie lässt uns mitfühlen, mitleiden und ganz unbewusst nehmen wir Anteil am Schicksal der Hauptfigur, Jesus Christus.

 

Wenn die letzte Note verklungen ist, sinne ich immer noch über manches nach. Ich ziehe meine Schlüsse und schaue ganz tief in meine Seele. Die Musik ist der Katalysator gewesen. Verborgene Sünden werden bereut und vielleicht auch bereinigt.

 

Es ist nie zu spät, Fehltritte zu erkennen und wenigstens zu versuchen, sie wieder gut zu machen. Eine Entschuldigung, eine Umarmung, eine nette Geste gegenüber den Menschen, die wir verletzt oder beleidigt haben, denen wir etwas schuldig sind, kennt kein Verfalldatum.

 

Irgendwann wurde im Auditorium die Johannes-Passion von der Matthäus-Passion abgelöst. Dieses Werk liegt mir weniger. So blieb ich zu Hause und hörte eine CD am Karfreitag - morgens gegen neun Uhr oder nachmittags gegen drei Uhr.

 

Die letzten sieben Worte Jesus am Kreuz von Joseph Haydn.

 

Kaum jemand wird diese Zitate auswendig kennen. Deshalb ist es gut, sie mitlesen zu können, während die Musik uns in eine andere Welt versetzt. Auch hier sind wir bald in einer ganz anderen Sphäre. Zu jedem Ausspruch von Jesus kann man eigene Parallelen finden. Man muss nur ein wenig in sich gehen. In seiner Seele graben. Das tut zuweilen unheimlich gut. Der Geist fühlt sich befreit und freut sich über die Erlösung von manchem Unrat, dessen Inhalt er viel zu lange mit sich herumtragen musste.

 

Ostern ist inzwischen wie Weihnachten.

 

Ein Fest des Konsums und des Verzehrs.

 

Gefüllte Osternester und üppige Festmahle oder auch Reiseziele an diesen Tagen sind den Menschen wichtiger geworden als das ursprüngliche Motiv, weswegen diese Feiertage überhaupt entstanden sind. Schließlich verdanken sie der christlichen Religion diese willkommene Auszeit von ihrem Alltag.

 

Ein bisschen Besinnung würde so manchem nicht schaden...

 

 

 

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