Was hält die EU zusammen?

 

 

Ich frage mich das schon sehr lange. Der schwerfällige Beamtenapparat in Brüssel beschließt unzählige Gesetze, ohne die wir besser leben könnten.

 

Vereint sind in Europa die Grenzen und dadurch die Aufenthaltsgenehmigungen. Handel wie Schmuggel wurde es leichter gemacht. Doch dann folgen schon die großen Fragezeichen: Wer gehört zu Europa? Oder doch nur zur Europäischen Union? Das ist doch eine ganz eigene Vereinigung. Wenn ich mir da die UEFA (die Europäische Fußballunion) ansehe, wird es schnell exotisch und sehr orientalisch.

 

Bleiben wir zunächst einmal in der Europäischen Union. Für sie soll ja, Ende dieses Monats, gewählt werden. Hier ist aber auch nicht viel vereint.

 

Zölle, Preise, Steuern, Gesundheitssysteme, Renten regelt jedes Land wie es ihm gefällt. Religionen, Mentalitäten, Kulturen sind bunter als irgendwo sonst auf der Welt. Und dann die größte aller Hürden: zur wirklich guten Verständigung fehlt EINE Sprache!

 

Ich habe in sechs verschiedenen Ländern gelebt, die geographisch zu Europa gehören. Nicht als Tourist einfach mal vorbei geschaut, die schönen Sehenswürdigkeiten bewundert und dann wieder weiter gefahren. Nein, ich lebte das Land, die Leute, den Alltag. Nachdem ich in Deutschland aufgewachsen war, hatte ich ein Jahr an der französisch-schweizerischen Grenze gelebt und in Genf studiert. Hier bekam ich schon einen kleinen Vorgeschmack auf die komplizierten „europäischen“ Gesetze. Viele Jahre später, in den Neunzigern, organisierte meine Firma die Winter- und Sommersaison an der italienisch-französischen Grenze. Viele Kunden kamen aus Monaco. Aber auch von der Côte d’Azur kamen viele interessierte Käufe. In meiner Branche wurde die Kundenbetreuung sehr viel Bedeutung zugeteilt. Daher gehörten Hausbesuche und PR-Veranstaltungen in Kundennähe einfach dazu.

 

Mein Hauptsitz war jedoch drei Jahrzehnte lang in Italien gewesen. Auch wenn ich in dieser Zeit oft mehrere Wochen in England verbrachte. Geschäftlich und privat, mein Mann und ich liebten die britische Insel. Von Edinburgh bis Brighton oder Southampton. Nach London verweilte ich am liebsten in Winchester.

 

 Italien habe ich von Cortina d’Ampezzo bis hinunter an den Stiefelabsatz, bis Bari erlebt. Unser Hauptwohnsitz war überwiegend im Hinterland von Mailand. Doch der Schweizer Tessin gehörte einfach dazu. Eine natürliche Erweiterung. Die Sprache ist ja weiter italienisch, nur die Mentalität ändert sich ... ein wenig. Ich fuhr zwei Jahrzehnte lang zu meinem sehr geschätzten Zahnarzt nach Bellinzona. (Er fehlt mir heute sehr!) In Lugano gingen wir oft einkaufen und noch öfter spazieren. Der Stadtpark rund um den See ist in jeder Saison einladend. Und jahrelang wurde nur in der Schweiz getankt...

 

Mein Mann, ein gebürtiger Mailänder, wollte Deutschland noch besser kennenlernen. Er hatte dieses Land während seiner erholsamen Urlaube am Tegernsee und im Schwarzwald schätzen gelernt. Jedoch ist Urlaub nicht gleichzusetzen mit leben. Das musste auch er einsehen. Dennoch ist die Lage günstig. Da unsere jüngste Enkelin in Norwegen lebt und wir auch dort viele Monate verbracht haben.

 

Ob geschäftlich oder privat, sich ständig mit neuen Menschen, Mentalitäten, Kulturen, Gesetzen, Traditionen zu konfrontieren, das ist überaus spannend. Manchmal auch aufreibend, aber immer sehr konstruktiv. Doch Gemeinsamkeiten, irgendetwas, das an Solidarität erinnert, an Verbundenheit, konnte ich nicht feststellen. Im Gegenteil, die Franzosen sehen gerne auf ihre südlichen Nachbarn hochnäsig von oben herab. Die Engländer belächeln ohnehin jeden, der vom Kontinent kommt. Und die Norweger bleiben lieben unter sich. Über Deutsche und Italiener will ich mich nicht überhaupt nicht äußern. Zwischen diesen beiden Völkern ist eine Art Hassliebe deutlich fühlbar, die sich schwer erklären lässt und sehr kompliziert ist. Darüber könnte ich Bücher schreiben.

 

Der wichtigste Aspekt in diesen Jahren waren aber die Sprachen! Für meine verschiedenen Aufenthalte benötigte ich schon mal vier davon! Noch krasser war es im letzten Jahrhundert mit den diversen Währungen, dem ständigen Umrechnen. Als der Euro aufkam, war es anfangs angenehmer, von einem Land ins andere zu reisen und dieselben Banknoten benutzen zu können. Oder? Tja, Großbritannien, Norwegen, Schweiz, gehören nicht zur Eurozone. Da ist auch schon wieder so ein gravierender Unterschied. Deshalb frage ich mich wirklich, wer oder was ist eigentlich die Europäische Union? Ein Verein zwischen ... welchen Staaten... und wofür?

 

Mit diesen Fragen hatte ich mich auch schon früher beschäftigt. In den Neunziger Jahren hatte ich einige interessante Essays von Giuseppe Galasso gelesen. Da war es nur eine natürliche Konsequenz, seine Storia d’Europa zu erwerben. Natürlich in der Originalsprache! Ja, ich kaufe gerne Bücher, auch wenn ich sie nicht sofort lese. Dazu fehlte mir oft die Zeit. Diese dreibändige Herausforderung über die Geschichte Europas von der Antike bis zur Gegenwart haben jetzt und heute ihren (hoffentlich) richtigen Zeitpunkt gefunden. Ob ich die drei Bände bis zur Europawahl durchlesen kann, wird sich erweisen. Es ist jedoch eine gute Gelegenheit, sich gerade jetzt mit der Historie auseinanderzusetzen.

 

 Vielleicht ändere ich meine Ansicht, dass die Vereinigten Staaten von Europa eine reine Utopie darstellt und bleiben wird. Auf jeden Fall werde ich darüber berichten.