Utopia

 

 

 

Sehnsüchtig betrachtet sie die Sonne durch das große Fenster. Der strahlend blaue Himmel lockt, aber sie weiß nicht, wohin sie gehen soll. Nach ihrer langen Krankheit hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich wieder hinausgehen zu können. Die Welt steht ihr offen. Aber die Auswahl erdrückt sie beinahe. Der Horizont bleibt weit und grenzenlos. Es fällt ihr schwer, sich zu entscheiden. Alles auf einmal oder Schritt für Schritt? Sie kann überall hin. Niemand hält sie auf. Niemand mischt sich in ihre Pläne. Niemand ist mehr da. Sie ist allein. Frei. Das hatte sie sich immer gewünscht. Aber jetzt steht sie am Fenster und blickt hinaus in eine Welt, die keine Grenzen mehr kennt. Jedes Ziel ist nun möglich. Sie muss von niemandem mehr Abschied nehmen. Sie sind alle schon gegangen.

 

Die helle Sonne winkt. Auf einmal wünscht sie, dass es regnen würde. Wenigstens hätte sie dann die Ausrede, das Haus nicht verlassen zu müssen. Auf einmal wünscht sie ein Ereignis, ein Zeichen. Sie will sich noch nicht entscheiden. Oder nicht mehr. Das hatte sie so oft tun müssen. Für sich. Für andere. Immer wieder die Leitfigur darstellen müssen, an der sich alle richten. Jetzt will sie sich nicht einmal mehr an sich selbst orientieren.

 

Wo gehe ich zuerst hin? Wie wird es weitergehen? 

 

Die Sonne zieht sich beleidigt hinter den Wolken zurück. Nur ein kleiner, frecher Lichtstrahl lugt aus den weißen Knäueln hervor. Er zeigt nach Süden. Wie ein Pfeil, markiert er die Richtung. Sein Licht wird immer stärker. Die Umrisse werden immer blasser. Bald sieht sie in seinem Ende einen Ort. Eine Stadt, die sie erwartet. Freundliche Menschen lächeln ihr zu. Sie kennt dort niemanden. Und doch heißt sie jeder willkommen, dem sie begegnet. Wie in einer virtuellen Tour drehen sich die Straßen, werden immer breiter. Fröhliche Menschen tanzen im Sonnenschein. Ihr Lachen ist ansteckend. Ihre Heiterkeit ist so erfrischend. Hinter den Gesichtern versteckt sich kein Argwohn, keine Cleverness. Aufrichtig und offen begegnen ihr die Blicke der Anwesenden. Sie spürt erneut ein Vertrauen, das sie schon längst vergessen hatte.

 

Weiße, adrette Häuser ragen aus gepflegten, bunten Gärten hervor. Es ist eine Stärkung für ihre Seele, über diese Straßen zu laufen, die Menschen zu grüßen. Niemand hält sie auf. Sie läuft immer weiter bis hinunter an den Strand. Dort trifft sie auf das uferlose Meer, den unendlichen Horizont. Sie ist angekommen. Im Paradies ihrer Träume. Warme Sonnenstrahlen streicheln ihre Haut. Das ist das Land ihrer Sehnsucht. Es ist so wunderbar friedlich. Die Menschen hier kennen keinen Neid, keine Eifersucht, keine Gier und keine Gewalt. Sie respektieren sich. Sie helfen sich untereinander. Sie leben miteinander. Sie komplementieren sich.

 

Sie weiß nur zu gut, dass Utopia nicht existiert. Deshalb will sie die Augen nicht mehr öffnen.

 

Die Welt draußen ist grau und dunkel. Voller Misstrauen und Argwohn, voller Gewalt und Herrschsucht. Jeder muss sich vor dem anderen schützen, sorgen, verstecken. Keiner will sich mehr authentisch zeigen. Der Ehrgeiz treibt die Menschen an. Sie hetzen durch die Zeit, sie scrollen auf ihren Geräten. Keiner blickt mehr auf. Keiner hält mehr an.

 

Es ist an der Zeit, diese Epoche zu verlassen. Utopia ist nicht weit entfernt. Dieser Ort der Glückseligkeit, er liegt in unseren Köpfen. Wir müssen uns nur davon überzeugen. Liebe und Respekt, Toleranz und Freundlichkeit bringen uns weiter als der blanke Hass gegen alles Unbekannte, gegen jeden, der eine andere Hautfarbe hat.

 

Sie steht am Fenster und lässt sich von der Sonne inspirieren. Wärme im Herzen, Licht in der Seele zaubern ihr ein Lächeln auf die Lippen. Mit diesem Lächeln, das von innen kommt, kann sie den ersten kleinen Schritt wagen. Das Land, das nirgends existiert, wird es ihr danken.