An der Börse...

 

„Wer eine Aktie kauft, spekuliert nicht an der Börse, sondern investiert in eine Firma.“

 

Diese Aussage von Stefan Riße ist völlig korrekt... gewesen. Er war mit André Kostolany freundschaftlich verbunden und ist ein bekennender Warren-Buffett-Fan geblieben. Seine Vorträge sind ebenso unterhaltsam wie interessant. Mit kurzweiliger Rhetorik erklärt er komplexe Vorgänge und entwirrt umfassende Abläufe mit entwaffnendem Naturell. So auch bei einem Blick auf die aktuelle Situation der Finanzmärkte, den er in der IHK Würzburg-Schweinfurt mit einem hochkonzentrierten Publikum teilte.

 

Dabei wurde ich an eine meiner intensivsten „Börsenzeiten“ erinnert...

 

Es waren die phänomenalen Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen. Das Internet startete gerade seinen fulminanten Aufstieg. Beinahe täglich schossen immer neue Firmen aus dem fertilen Parkettboden der Börse, die im brandneuen „world wide web“ überzeugen wollten. Diese unbekannten Neulinge hatten keinen Business-Plan. Sie hatten auch keine zuversichtlichen Bilanzen. Ihre wirtschaftlichen Ergebnisse schrieben permanent rote Zahlen. Und doch waren sie im Handumdrehen die Lieblinge an der Wall Street und verbreiteten sich in kürzester Zeit erfolgreich weltweit.

 

Ich kann mich noch sehr gut an das spektakuläre Jahr 1998 erinnern. Eigentlich hatte ich schon ein pralles Portfolio, zu 80% gefüllt mit diesen „Leckerbissen-Aktien“. Dort tummelte sich von AOL bis Oracle querbeet, wer gerade im rosaroten Online-Himmel angesagt war.

 

Ende August bekam ich von einem meiner Kunden, einem cleveren Börsenbroker, den Tipp, Yahoo zu kaufen. So viel ich könnte.

 

Yahoo? Das klang damals wie ein Freudenschrei von Fred Feuerstein. Mein Mann schüttelte den Kopf. Für ihn war das Ganze überhaupt nicht nachvollziehbar. Er liebte seine „soliden“ Aktien rund um die BMW und einigen Banken. Dieser neue Hype war ihm doch ein wenig zu schrill. Ich wollte auch nichts verkaufen, um in diese neue, noch völlig unbekannte Firma, zu ... investieren? Na ja, das war damals wirklich nur reine Spekulation.

 

Gegen Ende des Jahres gab es dann schon erste Anzeichen, dass das Fest vorüber war. Einige Aktien begannen leise zu bröckeln. Aus purer Neugierde warf ich einen Blick auf Yahoo. Hätte ich das doch nicht gemacht! Es gab ein großes Gewitter in meiner, eigentlich sehr glücklichen, Ehe. Natürlich hätte ich selbst die Initiative ergreifen können. Aber ich hatte es nicht ohne die Zustimmung meines Mannes tun wollen. Wie dem auch sei: hätte ich im August auch nur 10.000 DM eingesetzt, wäre ich im Dezember um satte 300.000 DM reicher gewesen. Dieser Scoop war mir völlig entgangen! Das wurmt mich heute noch, wenn ich daran denke!

 

Vielleicht war es auch der Riss in meiner Eitelkeit gewesen, jedenfalls sah ich nicht lange zu, als „meine“ Aktien zu sinken begannen. Zehn Prozent war ohnehin schon immer meine Schmerzensgrenze gewesen. Dann hatte ich verkauft, manchmal weiter verfolgt, und bin erst wieder eingestiegen, wenn und wann ich es für angebracht gehalten hatte.

 

Im spezifischen Fall des Dezembers 1998 ließ ich mich von niemandem beirren. Als ich in der Bank die Anweisung gab (damals gab es noch kein Online-Banking), alle Aktien an der Wall Street zu verkaufen, gab es einen heftigen Protest von dem netten Banker. Er meinte: „Bleiben Sie dabei, es ist bestimmt nur vorübergehend.“ Ich wehrte ihn lächelnd ab und bestand auf den Verkauf. Der Rest ist Geschichte. Im Januar 1999 ging es heftig bergab. Viele von den kleineren Firmen, selbst AOL, damals eines der vielversprechendsten Unternehmen in der Telekommunikation, erholten sich überhaupt nicht mehr.

 

Mein Mann erzählt heute noch stolz von meiner „Heldentat“. Wir hatten nicht nur unser Kapital gerettet, sondern sogar einige Gewinne mitgenommen. Das können nicht viele erzählen, auch oder gerade unter den Bankern, die damals nicht an die aufkommende Internetblase geglaubt hatten.

 

Warren Buffett ist einer der wenigen, die auf dem spiegelglatten Parkett der Börse so einige Stürze ohne gefährliche Einbrüche überlebt hat. Aber er investiert in Firmen. Er spekuliert nicht mit Aktien...