Ein Liederabend

 

 

 

In Kirchen werden oft die schönsten Konzerte und Lesungen veranstaltet. Ich war schon bei einer sehr anmutigen Matinee dabei gewesen, in der Poesien über die Liebe rezitiert und mit stimmungsvoller Orgelmusik untermalt worden waren. Bei klassischen Konzerten muss ebenfalls nicht unbedingt geistliche Musik gespielt oder gesungen werden. Es darf ruhig einmal romantisch werden. Sehr romantisch!

 

Dazu passt die hartnäckig verteidigte, innig tiefste Liebe zwischen Clara und Robert Schumann. Im 200. Geburtsjahr von Clara Schumann entdeckte ich ihre gefühlsbetonten Eigenkompositionen. Ebenso gut passten die von ihr und ihrem Mann vertonten Gedichte von Friedrich Rückert in das Programm eines poetischen Liederabends mitten im heißen Sommer 2019.

 

Vorgetragen wurden diese bilderreichen Lieder von Mio Nakamune, einer jungen, japanischen Sopranistin. Ihre klangvolle, lyrische Stimmlage entfaltete sich wunderbar in der ausgezeichneten Akustik der relativ jungen Kirche.

 

Die Martin-Luther-Kirche in Würzburg war erst vor siebzig Jahren erbaut worden. Ihr blanker Backsteinbau öffnet sich in einen hellen und freundlichen Innenraum. Jedoch, durch die ausgiebige Holzverkleidung war es leider sehr warm zwischen den Bänken. Ich kenne auch keine Kirche, in der man gemütlich sitzen kann. Die unbequemen Holzbänke sind wohl noch das letzte Residuum der klerikalen Vergangenheit. Trotz der Einführung von Konzerten und Lesungen und besonderen Veranstaltungen in diesen, eigentlich religiösen, Gebäuden, sind die Sitzgelegenheiten nicht komfortabler geworden. Eng und steif sitzt man auf einer schmalen Holzbank mit hartem Rückenteil. Es hilft nichts. Man kann nur still sitzen und zuhören. Ob die Konzentration dabei bleibt, liegt dann oft an den Künstlern.

 

Da ich immer zu früh ankomme, wurde es mir gestattet, den „Soundcheck“ der Künstlerin mitzuhören. Die kurzen Andeutungen an einzelne Lieder gaben mir sofort einen kleinen Aperitif, welch ein Ohrenschmaus bevorstehen würde.

 

Das Lied ist eine der größten Herausforderungen für jeden Sänger und jede Sängerin, die sich in der klassischen Musik etablieren möchten. Demzufolge gibt es nicht viele, die es wagen, ihre Stimme mit den in sich windenden, mitunter auch überaus anspruchsvollen, Tönen zu konfrontieren. Ferner ist zu bedenken, dass das klassische Lied keinen Finalakut besitzt, so wie er doch bei jeder Arie dem Publikum den Atem raubt.

 

Mio Nakamune fühlte sich im romantischen Lied sehr wohl mit ihrem kräftigen ausdruckstarken Lyrik-Sopran. Bemerkenswert fand ich ihre sehr verständliche Aussprache. Ich verstand beinahe jedes Wort!

 

Begleitet wurde sie am Klavier von Frank Sodemann. Souverän führte der diplomierte Dirigent die junge Sopranistin durch die schwärmerischen Melodien der Romantik. Während der kurzen Stimmpausen für die junge Künstlerin erfreute er das Publikum mit kleinen Solostücken von Robert Schumann und Johannes Brahms. Seine Spielweise strahlte eine wohltuende Ruhe aus.

 

Als erfahrene „Klassikzuhörerin“ hätte ich mir am Ende eine andere Zugabe gewünscht. Mit der absolut warm gesungenen Stimme wäre eine Belcanto-Arie der würdige Abschluss gewesen. Jedoch mag es an der Jugend der Sopranistin, aber vielleicht auch an dem etwas kühlen Publikum gelegen haben.

 

Auf jeden Fall werde ich diese vielversprechende, junge Künstlerin im Auge behalten!