Neuschwanstein

 

 

 

Ein Mythos seit seiner Grundsteinlegung. Die fiel auf den 5. September 1869, genau vor 150 Jahren. Dieses Schloss ist heute ein weltberühmtes Wahrzeichen. Zeigt man sein Foto irgendwo auf dem Globus gibt es dennoch zwei verschiedene Antworten: die einen nicken lächelnd und sagen „Germany“, die anderen, meist sehr viel Jüngere oder gar Kinder, rufen begeistert „Disney“. Denn Walt Disney hatte es auf seiner Europareise entdeckt und sofort für sich beansprucht. Seine herausragenden, schlanken Türme hatte er nur ein wenig zusammengerückt und schon thronte „Neuschwanstein“ als das Märchenschloss schlechthin auf allen Produktionen von Walt Disney. Eine gelungene Inspiration.  

 

Dabei ist dieses sagenumwobene Schloss alles andere als märchenhaft.

 

Ludwig II wollte diesen, seinen letzten Schlossbau mit allen, damals bekannten und brandneuen, Techniken ausstatten lassen. Leider durfte er seinen Traum nicht vollständig verwirklichen. Dennoch kann man heute sehr viele und für seine Zeit erstaunliche Vorrichtungen bewundern. Vom Aufzug für sein Esszimmer bis hin zu sanitären Einrichtungen und sogar einem kleinen Hallenbad.

 

Doch Neuschwanstein sollte für Ludwig II sein größtes Unheil darstellen.

 

Für Ludwig II wäre der (damals) abgeschiedene Ort ein ideales Versteck gewesen. Dort hätte er sich bestens mit seiner großen und einzigen Liebe, Elisabeth von Österreich treffen können. Dort wurde er aber leider von seinen korrupten Dienern verleumdet. Die damalige bayrische Regierung ließ ihn entmündigen und brachte ihn schließlich nach Berg an den Starnberger See. Ein letzter Fluchtversuch in der nächtlichen Dunkelheit wurde für ihn fatal.

 

Ludwig II war weder homosexuell, noch geistesgestört.

 

Selbst der Tod von Ludwig II ist eigentlich kein Mysterium. Nur halten einige Historiker stur daran fest, aus welchem Grund auch immer. Der entmachtete König war Anfang Vierzig und gesundheitlich angeschlagen. Jedoch war er immer noch ein guter Schwimmer. Seine Cousine Elisabeth, genannt Sissi, hatte, auf der anderen Seite des Sees, eine Kutsche bereitgestellt, die ihm zur Flucht verhelfen sollte. Er musste „nur“ den See schwimmend durchqueren. Das hatte er sich in seinem Überschwang auch zugetraut. Sein Leibarzt war eingeweiht. Jedoch war es wohl nicht der günstigste Zeitpunkt gewesen. Nach dem Abendessen, an einem kalten Februarabend, sprang Ludwig in den See. Sein mutiges Adrenalin, das ihm in die Freiheit helfen sollte, genügte wohl nicht. Das Abendessen hielt der Kälte nicht stand und verursachte eine Indigestion. Die kann zu einer gefährlichen Blockierung führen. Sein Arzt war schon zu alt und konnte ihm nicht mehr helfen. Er war zu weit draußen und zog seinen Freund mit in den See hinein.

 

Ich habe Ende des letzten Jahrhunderts mehrfach alle seine Schlösser besucht. Je zweimal war ich in Neuschwanstein und in Herrenschloss Chiemsee, einmal im Linderhof und in der Residenz in München. Eine Nacht habe ich sogar im heutigen Hotel in Berg am Starnberger See verbracht. In dem Gebäude, das Ludwig II gefangen gehalten hatte.

 

Und natürlich bin ich auch in seinem berühmten Kutschenmuseum im Nymphenburger Schloss gewesen. Dort hängen wunderschöne Portraits von ihm. Ludwig II war nicht nur ein sehr schöner Mann gewesen mit seinem Gardemaß von 1,92 m und seinem durchtrainierten Körper. Er war ein begeisterter und sehr guter Schwimmer gewesen. Seine intelligenten, hellblauen Augen blitzen heute noch aus den hervorragend gemalten Portraits und zeugen von seiner Ausstrahlung. Seine Hang zur Romantik und sein Schöngeist wurden immer wieder in den Vordergrund gestellt und dadurch wurden ihm gerne auch Neigungen unterstellt, die keineswegs nachgewiesen sind. Im Gegenteil: dazu würde ich einigen Regisseuren (auch wenn das Meisterwerk von Luchino Visconti im Grunde sehr gut ausgefallen war, von einigen Abstrichen abgesehen) und Historikern raten, sich die betreffenden Dokumente in der Residenz in München einmal durchzulesen.

 

Ich hatte schon immer ein Faible für besondere Bücher. Deshalb freute ich mich besonders über die wirklich außergewöhnlich schöne Neuauflage der allerersten Biographie Ludwig II. (Ein herzliches Dankeschön gebührt dem Josef Baumgartner Verlag aus München!) Sie war von Friedrich Lampert 1890 geschrieben worden. Somit war Lampert noch ein zeitgenössischer Augenzeuge gewesen, der König Ludwig II persönlich erlebt hatte. Dieses wunderschöne Buch und sein Schuber sind sehr elegant gebunden, und mit geschwungener, goldfarbener Schrift auf dem Cover versehen. Die originale Schriftart der damaligen Zeit war aufwendig nachgedruckt worden. Sie unterstreicht den geschwungenen Schreibstil sehr gut. Sein Inhalt ist umwerfend ehrlich und aufrichtig. Und doch geht eine tiefe Wertschätzung und Devotion durch die Seiten.

 

Ludwig II war vielleicht der letzte große Romantiker des 19. Jahrhunderts gewesen. Zu gut für die Menschheit. Zu ehrlich für die Politik und auch für sein Amt als König. Ohne ihn hätte Richard Wagner es nie zu dem Komponisten gebracht, für den er heute von vielen verehrt wird. Und wie würde das Logo von Walt Disney aussehen, wenn Ludwig II sein Neuschwanstein nicht hätte erbauen können?

 

 

 

Alle Fotos habe ich von dem oben beschriebenen Buch abfotografiert.

 

© Josef Baumgartner Verlag, München

 

 

 

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